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Brücke zur Vergangenheit bleibt im Boden

Brücke zur Vergangenheit bleibt im Boden

Er hat jetzt ein neues Pflaster und daraus aufragende Stelen und Linien am Boden, die auf eine Vergangenheit mit Burg und Schloss hinweisen: der umgestaltete Schloßplatz. Er bedeckt Stadtgeschichte, die während der Baustellenphase ans Licht kam. Dr. Joachim Hupe hat diese Arbeiten als Archäologe begleitet. Sie haben neue Einblicke zur Burg gebracht.

Die Säubrennerstadt hat viele Bürger, die sich intensiv für Stadtgeschichte, jeder auf seine Art, interessieren. Dazu zählt Elisabeth von den Hoff. Im Kreisjahrbuch 2016 hat die Wittlicherin, der die Denkmalpflege am Herzen liegt, einen bebilderten Beitrag zu Burg Ottenstein (ab 1402, 1424 vollendet), dem Vorgängerbau von Schloss Philippsfreude (1762: Baubeginn, 1806 abgerissen), veröffentlicht. Anders als für die Bernkastel-Kueser, die zu ihrer Burg noch aufblicken können, liegt das, was von der Wittlicher Burg und dem Nachfolgebau Schloss übrig blieb, zu Füßen der Menschen im Erdboden.

Wenn gebaggert wird, kommt die Geschichte ans Licht. So war Elisabeth von den Hoff eine aufmerksame Beobachterin der Bauarbeiten für das Einkaufszentrum Schlossgalerie und im vergangenen Jahr der Umgestaltung des Schloßplatzes. Ihr Resümee: "Es kamen erstaunliche Mauerreste der Burg Ottenstein zutage. Zwar waren alle sichtbaren Gebäudeteile im Laufe der Jahrhunderte abgetragen, aber der gotische Keller hat als Bodendenkmal weitgehend überdauert." Fachkundige hätten deutlich die zwei Teile der Burganlage sehen können: "Das Haupthaus, das bis vor das heutige Haus Mehs reichte, und die im Winkel angebaute Wehrmauer mit dem von zwei Türmen geschützten Eingangstor zum historischen Burghof. Dort, wo niemand mehr mit altem Mauerwerk gerechnet hat, gab es die große Überraschung. Zwischen den beiden Tortürmen war keine Baulücke, im Gegenteil, die zwei Türme waren an der Basis mit meterdickem, massiven Mauerwerk verbunden, davor entdeckte man zwei kleinere Quermauern. Alles zusammen lässt sich nur als eine Brückenkonstruktion mit zwei Pfeilern deuten." Man stelle sich also vor: "Ehemals ritt also der Kurfürst mitsamt seinem Gefolge nicht über einen unbefestigten Weg, sondern über eine, den Burggraben überspannende steinerne Brücke zwischen den Tortürmen hindurch auf den Platz vor seine Burg."Wittlicherin wünscht mehr Infos


Nun bedauert die Stadthistorikerin, die sich stets für ein Erinnern an und Würdigen der Stadtgeschichte zum Beispiel auch der römischen Villa stark macht: "Warum wurden diese interessanten Entdeckungen, diese jetzt sichtbar gewordenen Mauern nicht wenigstens in den auf dem Boden des Parkplatzes markierten Grundriss übernommen?"
Immerhin, auch Dr. Joachim Hupe, der die baubegleitenden archäologischen Untersuchungen geleitet hat, nennt auf TV-Nachfrage diese Funde ebenfalls besonders: "Nunmehr klarer zu fassen ist die Situation der Torzufahrt: Eine dreibogige Brückenkonstruktion führte über den Burggraben durch das Tor in den Burghof. Von dieser Konstruktion stecken noch die Pfeiler im später verschütteten Burggraben. Die etwa drei Meter breite Toreinfahrt mit flankierenden Türmen wurde auf der Fundamentebene erfasst."Für ihn ist die Markierung im Boden, die die Stadt unter dem Arbeitstitel "historischer Fußabdruck" veranlasst hat, jedoch hinreichend: "Viele Passanten betrachteten neugierig die freigelegten Burgfundamente und bekundeten ihr Interesse. Es ist daher begrüßenswert, dass der Grundriss der Toranlage und die anschließenden Teile der Burg mit der Platzneugestaltung im Pflaster kenntlich gemacht worden sind. Hilfreich wären sicher didaktische nähere Erläuterungen zur historischen Burgtopografie und der Funktion der Burg Ottenstein als kurfürstliche Stadtburg." Ob er denn jetzt nach Abschluss der Arbeiten womöglich zu einem Vortrag einlade? Joachim Hupe winkt ab: "Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden ja bereits im Rahmen eines Artikels (siehe Extra) und eines Vortrages in Wittlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Die relativ begrenzten Untersuchungen von 2015 rechtfertigen allerdings keinen gesonderten Vortrag." Und er ist generell mit dem Ablauf am Schloßplatz zufrieden: "Die Archäologische Denkmalpflege wurde 2015 in jeder Hinsicht angemessen in den Planungsprozess und in die Bauarbeiten auf dem Schloßplatz einbezogen. Insgesamt war die Maßnahme vom sichtlichen Bemühen aller Beteiligten geprägt, die archäologische Belange angemessen zu berücksichtigen."Meinung

Wichtig, aber speziell
Beim Bau des Einkaufszentrums ist einiges an Stadtgeschichte für immer zerstört worden, auch weil man sie nicht hinreichend wertschätzte im Gegensatz zum Investorenwunsch für einen kurzlebigen Klotz, der niemals die Bedeutung von Burg oder Schloss haben wird. Jetzt hat man vorsichtiger agiert und auch versucht, den Bürgern die Stadtgeschichte nahe zu bringen: Mit den Stelen, mit den Markierungen im Boden. Den Wittlichern, die sich für Burg und Schloss enorm engagieren, wird das nicht reichen. Man kann die Mehrheit aber nicht zwingen, sich ebenso intensiv mit Wittlichs Baugeschichte zu beschäftigen. Dass es für andere Menschen andere Prioritäten gibt, muss man manchmal einfach aushalten. Ein Trost: Dennoch ist der öffentliche Druck durch privates Engagement nicht wirkungslos: Was jetzt an Bewusstseinsbildung passiert ist, ist weitaus mehr, als all die Jahrzehnte zuvor. s.suennen@volksfreund.deExtra

Brücke zur Vergangenheit bleibt im Boden
Foto: Klaus Kimmling (m_wil )

"Burg Ottenstein in Wittlich. Neue archäologische Erkenntnisse zur untergegangenen kurfürstlichen Residenz" heißt der Beitrag von Dr. Joachim Hupe, der mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Stadt Wittlich in der Trierer Zeitschrift 75/76, 2012/13 auf den Seiten 249 bis 282 erschienen ist. Die Publikation steht auf der Internetseite des Kulturamts Wittlich über www.wittlich.de öffentlich zur Verfügung. Im Kreisjahrbuch 2016 findet sich auf den Seiten 23 bis 28 ein Bericht von Dr. Elisabeth von den Hoff mit Fotos und Karten über die neuen Grabungen an der Burg Ottenstein.