Bündnis gegen Depression schult Hausärzte

Bernkastel-Wittlich · Das Netz der Versorgung mit Nervenärzten in der Region ist am Rande seiner Kapazität angekommen - ein Grund mehr für das Bündnis gegen Depression, Hausärzte für die Krankheit zu sensibilisieren und fortzubilden.

Bernkastel-Wittlich. Jeder Fünfte bis Sechste leidet mindestens einmal im Leben an einer Depression, berichtet Michael Lammertink, Chefarzt der Psychiatrie am Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich. Über die Erkrankung und das Bündnis gegen Depression, das sich im Kreis Bernkastel-Wittlich neu gegründet hat und dem unter anderem Beratungsstellen, Ärzte, Altenheime, Selbsthilfegruppen und die Kreisverwaltung angehören, sprach TV-Reporterin Ursula Quickert mit dem Mediziner.

Wie wollen Sie das Thema Depression in die Öffentlichkeit bringen?
Michael Lammertink: Unsere Arbeit basiert auf vier Säulen. Die erste Säule ist die Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben 5000 Flyer und 2000 Plakate bestellt, zeigen einen Kinospot im Moselkino Bernkastel-Kues und organisieren Veranstaltungen, mit denen wir zeigen wollen, dass man sich wegen einer Depression nicht schämen muss. Es ist eine Erkrankung, die man behandeln und die jeden treffen kann. Wir möchten den Menschen die Hemmschwelle nehmen, sich an Hilfeeinrichtungen zu wenden. Die zweite Säule ist die Schulung von Menschen, die mit Betroffenen in Kontakt kommen, zum Beispiel Lehrer, Behörden, Mitarbeiter von Seniorenheimen und - damit sind wir schon bei der dritten Säule - Hausärzte. Das liegt mir am meisten am Herzen.

Warum?
Lammertink: Die allermeisten Patienten wenden sich zuerst an ihren Hausarzt. Doch Studien zeigen, dass er nur in etwa der Hälfte der Fälle erkennt, dass es sich um eine Depression handelt. Und von diesen wird wiederum nur ein kleiner Teil nach den wissenschaftlichen Richtlinien behandelt. Hausärzte sind also eine wichtige Schaltstelle; dort werden die Weichen für die Behandlung gestellt. Hier besteht aber auch das größte Defizit. Wir wollen kurze, knackige Fortbildungen anbieten, um die Hausärzte zu erreichen. Von diesen Mediatorenschulungen versprechen wir uns am meisten.

Und die vierte Säule?
Lammertink: Das sind die Selbsthilfegruppen, die wir unterstützen wollen - auch bei der Gründung.

Sind Depressionen heute denn ein größeres Problem als früher?
Lammertink: Das lässt sich schwer sagen, gefühlt nimmt es auf jeden Fall zu. Jeder fünfte bis sechste Mensch in Deutschland leidet mindestens einmal im Leben daran. Die meisten Depressionen gehen innerhalb einiger Wochen oder Monate vorbei. Auch in schweren Fällen von Burn-out steckt meist eine Depression dahinter.

Wer ist denn besonders häufig betroffen?
Lammertink: Eine Depression entsteht immer, wenn eine Veranlagung dazu auf eine Überlastung trifft. Betroffen sind vor allem Frauen, Menschen ab dem mittleren Alter und Städter eher als Menschen, die auf dem Land leben. Manchmal hat die Krankheit einen Auslöser, zum Beispiel Arbeitslosigkeit, zwischenmenschliche Konflikte oder eine schwere körperliche Erkrankung.

Was sind die Symptome?
Lammertink: Im Kern: niedergeschlagene Stimmung, Antriebsarmut und das Unvermögen, sich an Dingen zu erfreuen, die einem sonst Freude bereitet haben - und das über mehr als 14 Tage. Die meisten Betroffenen haben auch irgendwann Suizidgedanken. Und 50 bis 60 Prozent aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten zuvor an einer Depression. In Nürnberg, wo das Bündnis gegen Depression seinen Ursprung hat, ist die Suizid-rate innerhalb von zwei Jahren um ein Viertel gesunken. Das ist ein toller Erfolg.

Was raten Sie Menschen, die eine Depression bei sich vermuten?
Lammertink: Sie sollten offen mit ihrem Hausarzt darüber sprechen. In den allermeisten Fällen kann man die Krankheit mindestens lindern, sie ist in der Regel medikamentös behandelbar, auch durch den Hausarzt. Denn problematisch ist, dass das Versorgungsnetz hier schon am Rande seiner Kapazität ist. Wer die möglichen zusätzlichen Patienten versorgen soll, ist ehrlich gesagt eine ungelöste Frage.

Wie viele Ärzte gibt es im Kreis Bernkastel-Wittlich?
Lammertink: Es gibt fünf Fachärzte für Psychiatrie: in Wittlich, Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach. Allerdings sind zwei davon auch in der Neurologie tätig, die anderen drei auch in der Psychotherapie. Es kann mehrere Wochen dauern, bis Sie einen Termin bekommen, auch wenn die Krankheit akut ist. Dazu kommt die Institutsambulanz hier im Krankenhaus, doch wir dürfen nur Menschen mit schweren Depressionen behandeln. Und es stellt sich die Frage, ob für die Ärzte, die zum Teil schon älter sind, Nachfolger gefunden werden. Auch wir ringen um jeden Arzt. uqDas Deutsche Bündnis gegen Depression will die gesundheitliche Situation depressiver Menschen verbessern, das Wissen über die Krankheit in der Bevölkerung erweitern und Suiziden vorbeugen. Mehr als 60 Städte und Kommunen haben sich dem Bündnis, das seinen Ursprung in Nürnberg hat, angeschlossen und engagieren sich auf lokaler Ebene, wie nun auch im Landkreis Bernkastel-Wittlich. Mithilfe von Spenden von Stiftungen, Firmen und Privatpersonen trägt sich das Projekt im Kreis selbst. Die Kernbotschaften sind: Depression kann jeden treffen, Depression hat viele Gesichter, Depression ist behandelbar. Weitere Infos: www.buendnis-depression.de (sos)