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Bürger setzen Zeichen gegen Rechts

Bürger setzen Zeichen gegen Rechts

Das Terrornetzwerk Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) hatte auch die Wittlicher und Konzer Moschee im Visier. Im Gedenken an die Opfer der Extremisten rufen die Stadt Konz, die türkische Gemeinde und das Interkulturelle Netzwerk Konz deshalb alle Bürger auf, am Samstag, 10. März, bei einer Aktion gegen Rechts mitzumachen. Daran beteiligen sich auch Muslime aus Wittlich.

Wittlich/Konz. Die Moscheen in Wittlich und Konz stehen auf einer Liste des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Während die Konzer Türken das erst vor kurzem erfahren haben, hat in Wittlich die Polizei die Ditib (türkisch-islamische Gemeinde mit rund 1000 Mitgliedern) schon im Dezember darüber informiert.
Jürgen Riemann, Pressesprecher der Polizeiinspektion Wittlich, sagt: "Wir haben mitgeteilt, dass keine akute Gefahr besteht, weder für die Moschee selbst noch für deren Mitglieder." Tahir Dogan bestätigte, das am gestrigen Montag: "Ich habe heute noch mit dem Iman gesprochen. Es besteht überhaupt kein Grund zur Panik."
Das Interkulturelle Netzwerk Konz aber will ein Zeichen setzen - ein Zeichen gegen rechtsextreme Gewalt und gegen rechtsradikale Terroristen.
Zusammen mit der Stadt Konz und der türkischen Gemeinde haben Thomas Zuche und Renate Heineck für Samstag, 10. März, 11 Uhr, eine Trauer- und Solidaritätsaktion auf dem Konzer Marktplatz geplant.
Dazu ist auch Tahir Dogan aus Wittlich eingeladen. Er engagiert sich in der Kreisstadt ehrenamtlich für interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit: "Ich werde auch in einer kurzen Rede sagen, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind und jede Radikalität - egal von welcher Seite - ablehnen. Dass wir auf dieser Liste stehen, darüber waren wir entsetzt und davon überrascht."
Unter anderem sind ein halbstündiger Schweigekreis und das Aufstellen von Kerzen vorgesehen, um der 137 Menschen zu gedenken, die seit 1990 Opfer rechtsextremistischer Gewalt geworden sind.
"Es geht darum, gemeinsam gegen Rechtsextremismus aufzustehen", sagt der Konzer Bürgermeister Karl-Heinz Frieden.
Die Gesellschaft müsse sich gegen jede Art von Extremismus wehren. Mit der Aktion wolle die Stadt vor allem auch gegen das Wegschauern bei Ausländerfeindlichkeit und extremistischen Auswüchsen eintreten, sagt Frieden.
Die Neonazi-Terrorzelle aus Zwickau hat innerhalb von 14 Jahren mindestens zehn Menschen - darunter acht Türken - ermordet, zwei Anschläge verübt und mehrere Banken überfallen. Und sie hat eine Terrorliste erstellt, der als potenzielle Anschlagziele mehr als 10 000 Institutionen, Politiker, Kirchen oder Vereine auftauchten - darunter die genannten beiden Moscheen und darüber hinaus noch ein Gebetshaus in der Hochstraße sowie die ehemalige Synagoge, wie Jürgen Riemann auf TV-Nachfrage mitteilt.
Zur geplanten Solidaritätsaktion in Konz sagt Tevhit Yilmaz, Sekretär des Vereins Türkisch-Islamische Union (Ditip) in Konz, es sei wichtig, dass sich viele an der Aktion beteiligen. Bundesweit habe Ditip dazu aufgerufen, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.
Und Bürgermeister Frieden sagt mit Blick auf die Gewalttaten der NSU: "Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nicht wieder passiert."Extra

 Tahir Dogan. TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling
Tahir Dogan. TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling

Terrorliste: Die Terrorliste des Nationalsozialistischen Untergrunds ist laut dem Leiter des Fachkommissariats Extremismus/Terrorismus der Zentralen Kriminalinspektion (ZKI) in Trier mehr oder weniger wahllos zusammengestellt. Allerdings passten alle auf der Liste in das Feindbild der Rechtsextremisten. Eine direkte Gefahr für die Betroffenen bestehe nicht. Trotzdem begrüße er jede Aktion gegen rechts - solange sie selbst nicht gegen geltendes Recht verstoße, sagt der Kripo-Beamte. Straftaten: Die Region Trier ist laut Polizei keine Hochburg für Rechtsextremisten. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Trier sind laut der aktuellsten Polizeistatistik von 2010 74 Straftaten mit extremistischen Hintergrund registriert worden - darunter keine schweren Straftaten. 64 davon waren sogenannte Propagandadelikte, zu denen das Sprühen von Hakenkreuzen oder ähnliche Taten gehören. Sieben Mal ermittelte die Polizei wegen Volksverhetzung. Die rechte Szene sei gut darüber informiert, was erlaubt oder verboten ist. Deshalb registriere die Polizei zum Beispiel bei NPD-Kundgebungen nur selten Straftaten. . Rechtsextreme in der Region: Bei rechtsextremen Gruppierungen in der Region - zum Beispiel die Kameradschaft Moselland und die Chaos Crew Bombigen - habe die Polizei durch konzentrierte Maßnahmen die Spitze gekappt, sagt der Extremismusexperte. Eine bekannte Gruppe, die sehr aktiv und berüchtigt ist, ist der Nationale Widerstand Zweibrücken - da besteht laut Polizei auch eine enge Verbindung ins Saarland. Entwicklung: Eine gefährliche Entwicklung macht die Polizei in der Jugendarbeit von rechten Organisationen aus. Vor allem in ländlichen Regionen - vornehmlich in den Bundesländern im Osten Deutschlands - versuchen Rechte, Lücken zu schließen, die Gemeinden und Kirchenorganisationen nicht mehr gefüllt bekommen. Probleme bereiten der Polizei auch die sogenannten autonomen Nationalisten. Diese Gruppe tritt seit etwa zehn Jahren verstärkt auf und entspricht nicht mehr dem Klischee des glatzköpfigen, Springerstiefel und Bomberjacke tragenden Neonazis. Mit ihrer schwarzen Kleidung (Kapuzenpullis, Windjacken, Kappen und Sonnenbrillen) und ihren Aktionsformen greifen sie Muster der linksautonomen Szene auf, so dass die Polizei die Fronten kaum noch optisch unterscheiden kann. cmk