Camper weg - Kunden weg - Freunde weg

Camper weg - Kunden weg - Freunde weg

Am 28. Oktober ist es amtlich: Der Campingplatz in Zeltingen-Rachtig wird künftig nur noch für Wohnmobile zur Verfügung stehen. Der TV hat nachgefragt, wie es nun für Camper, Pächter und Geschäftsleute weitergeht.

Zeltingen-Rachtig. Die Sonne scheint, die Mosel gleitet gemächlich dahin, und einige Schwäne suchen am Ufer nach Nahrung. Doch der Schein trügt. Von Idylle ist auf dem Campingplatz wenig zu sehen. Stellenweise platt gedrücktes Gras, kleine einzelne Rosenbeete mitten auf dem Platz und nur noch wenige verbleibende Wohnwagen zeugen von der Endzeitstimmung, die sich auf dem Campingplatz breit macht. Das wundert aber niemanden, der über die Situation der Dauercamper Bescheid weiß. Denn der Ortsgemeinderat hat beschlossen: Sie alle müssen ab November mit ihrem Wohnwagen von dem beschaulichen Plätzchen an der Mosel verschwinden. Künftig soll der Campingplatz Zeltingen-Rachtig ausschließlich für Wohnmobile zugänglich sein (der TV berichtete mehrfach).
Grund dafür: Sanierungsbedürftige Sanitäranlagen und potentielle Mehreinnahmen, die sich die Gemeinde von der Umwandlung in einen Wohnmobilstellplatz erhofft. So kommt es, dass nur noch in wenigen der Wohnwagen Menschen anzutreffen sind.
Ein Stellplatz fällt besonders auf: Vor einem großem Wohnwagen steht ein breiter Tisch, darauf Schüsseln, Teekannen und Pfannen. Auf dem Boden vor einem fast voll gepackten Anhänger liegen Zeltstangen. Das ostfriesische Ehepaar Heuermann sitzt inmitten des Durcheinanders gerade beim Essen. "Das ist unsere Henkersmahlzeit", sagt die 52-jährige Gerlinde halb ironisch, halb resigniert. Noch heute wollen sie ihren 500 Kilometer langen Heimweg antreten. "Es tut weh zu gehen", erzählt sie, "aber du hast keine Lust mehr, wenn du weißt, du bist nicht mehr geduldet." Nun, nach 28 Jahren, müssten sie ihren Wohnwagen verkaufen: "Zuhause haben wir keinen Platz dafür." In Erinnerungen schwelgend erzählt sie von dem campingplatzeigenen Spielmannszug, der sich anlässlich eines Geburtstages gebildet hatte, von ihren Freunden, mit denen sie immer in dieselbe Kneipe gingen und von ihren Kindern, die in der Mosel schwimmen lernten. Campen werden sie wohl nicht mehr an der Mosel. "Aber: Wir kommen wieder."
Über den Beschluss des Ortsgemeinderates kann Gerlinde Heuermann nur den Kopf schütteln: "Da waren 19 Leute, und fünf haben gesprochen! Das Geschrei war unterste Schubalde." Ihrer Meinung nach solle der Ortsbürgermeister Manfred Kappes eine vernünftige Rechnung vorlegen, wie er sich die Umbauten vorstelle. Schließlich müssten, um den Platz für Wohnmobile herzurichten, neue Stromsäulen für jeweils 1000 Euro aufgestellt werden. Außerdem ist eine Befestigung der Stellplätze notwendig, damit die schweren Gefährte auf stabilem Boden stehen. Darum ist Heuermann sich sicher: Mit den Wohnmobilen kommen weder Mehreinnahmen noch junge Leute nach Zeltingen. "Soll er doch auf seinen Kosten sitzen bleiben."
"Es hat alles Vor- und Nachteile", so eine Verkäuferin der ortsansässigen Bäckerei. "Der Wohnmobilstellplatz wird auch Gäste einbringen, vielleicht sogar mehr." Für die Dauercamper sei es natürlich schade, "aber wir kleinen Leute haben da auch keinen Einfluss drauf."
Einige Häuser weiter wischt Bekir Bajindir gerade einen Tisch im gut besetzten Restaurant "Ibo\'s Pizza Grill". "Die Dauercamper waren Stammgäste", sagt er. Im Gegensatz zu ihnen seien Touristen bloß kurzfristig im Ort. Und: "Wohnmobile halten höchstens drei Tage, bevor sie sich etwas Neues suchen." Er rechnet mit sinkenden Besucherzahlen. Wie die Camper ist auch er sehr traurig darüber, Freundschaften zu verlieren.
Das bedauert auch Campingplatzpächter Arthur Heppert. Davon, dass die Gemeinde keinen Gewinn aus dem Umbau zum Wohnmobilstellplatz machen wird, ist er ebenfalls überzeugt. Doch die Gegenseite lege keine konkreten Zahlen vor, der Bürgemeister sei zu keiner Stellungnahme bereit. "Es muss so sein, auf Biegen und Brechen", klagt Heppert. Ihn treffe es härter als die Dauercamper. Er verliere nun seinen Job, habe aber auch keine sonstigen Aussichten, da andere Plätze zu teuer seien.
Gegenüber der geplanten Umstellung zeigt er sich verständnislos: "Das kostet viel mehr als die Renovierung der sanitären Anlagen." Der Campingplatz sei wegen des morastigen Untergrundes absolut ungeeignet für die schweren Campingfahrzeuge. Außerdem kommen sowieso kaum Wohnmobile nach Zeltingen-Rachtig: "Nur 371 dieses Jahr!" Da es so viele andere Wohnmobilstellplätze an der Mosel gibt, kann er nicht fassen, dass gerade sein Platz, der ein zweites Zuhause für so viele geworden ist, einem solchen weichen muss. "Ein Gast ist seit 1957 hier. Das ist fast ein ganzes Leben."
Ortsbürgermeister Manfred Kappes konnte kurzfristig nicht für eine Stellungnahme telefonisch erreicht werden.