Clara Viebig, eine Schülerin Fontanes

Die 17. Bad Bertricher Literaturtage im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz sind mit ihrem reichen Angebot von Vorträgen, Lesungen, Literaturcafé und Bücherbörse ein Klassiker im Programm des Staatsbads, befand Herbert Jullien, Leiter der Touristik-Agentur, zur Eröffnung.

Bad Bertrich. (aug) Seit der Gründung der Clara-Viebig-Gesellschaft in Bad Bertrich, einer literarischen Gesellschaft zur Würdigung ihres Werks, steht die Schriftstellerin im Mittelpunkt der Literaturtage. Verleger Arne Houben hat Bücher von Clara Viebig neu aufgelegt und wesentlichen Anteil daran, dass sie vor der Vergessenheit gerettet wird. Houben würdigte das Engagement der Clara-Viebig-Gesellschaft und des Ehepaares Christel und Manfred Aretz. Clara Viebig (1860-1952) war regelmäßig in Bad Bertrich, hat hier Romane und Novellen geschrieben.

Christel Aretz vom Vorstand der Gesellschaft begrüßte mit Professor Volker Neuhaus von der Uni Köln einen der wenigen Viebig-Forscher in der deutschen Literaturwissenschaft. Er beleuchtete in seinem Vortrag "Zolaide und Fontanes Schülerin" Aspekte ihres Schaffens. "Zolaide" wurde Viebig zu Lebzeiten genannt und als deutsche Vertreterin des Naturalismus von Emile Zola eingeordnet. In der Tat war Viebig von Zolas Roman "Germinal" in ihrem Stil beeinflusst worden. Aber der Realismus Viebigs ist nach Neuhaus nicht auf eine literarische Richtung festzulegen. Am ehesten sieht er sie als Nachfolgerin Theodor Fontanes, vor allem, weil ihr erster Roman "Rheinlandtöchter" thematisch unmittelbar an dessen letzten Roman "Die Poggenpuhls" anschließt. Beide Romane sind Milieuschilderungen von Familien, deren Ernährer als Angehörige niedriger militärischer Ränge niedrig bezahlt und in Standesgrenzen eingeengt sind. Viebigs Augenmerk richtet sich hier, wie so oft, vor allem auf die Frauenschicksale. Sie beschreibt die Welt ohne Idealismus, wie sie ist.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie eine der erfolgreichsten Autorinnen. 1930 wurde sie von Kommunisten wie auch Nazis hoch gelobt, allerdings auf beiden Seiten mit Einschränkungen, die ihr vorwarfen, nicht die jeweilige Weltanschauung zu vertreten. In den zwölf Jahren der Nazidiktatur geriet sie in Vergessenheit, obwohl sie weder Schreibverbot hatte noch verfolgt wurde. Aber ihr Verleger war ihr jüdischer Mann Fritz Theodor Kohn. Von dem Abbruch der Verbreitung ihres Werks hat sie sich nicht wieder erholt. Das liegt laut Neuhaus auch an vielen seiner Kollegen, die das "gut finden, was nach ihren Maßstäben progressiv ist", auch wenn die "Grenzen der Lesbarkeit" erreicht werden und Unterhaltungsliteratur mit einem Imagemakel versehen wird. Clara Viebigs Romane und Erzählungen seien hochwertige Unterhaltung, spannende Bücher, die man nicht aus der Hand legen könne.

Am Sonntag, 21. September, wird der Clara-Viebig-Pavillon in Bad Bertrich mit einer Ausstellung und umfangreichem Archiv eröffnet.

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