Damit sich Strafe auch bewährt

In Wittlich wird am größten Gefängnis für Erwachsene im Land gebaut. Doch "Kittchen" ist nicht gleich "Kittchen": Ein eigenständiger Betrieb hinter den Mauern ist die Jugendstrafanstalt. Seit genau einem Jahr gilt für diese Einrichtung ein neues Strafgesetz. Es stärkt Bildung und Sozialtherapie, damit die Jugendlichen nach der Haft nicht rückfällig werden.

Wittlich. Sie sind zu weit gegangen. Deshalb ist ein Urteil über sie gefallen, deshalb sind ihre Schritte beschränkt: von Mauern, Stacheldraht, Schlössern. Aufstehen, Arbeit, Essen, Hofgang: Alles ist geregelt, die Grenzen sind klar für die, die als Jungkriminelle gelten. Wenn ein junger Mann als Gefahr für die Allgemeinheit gilt, kann Haft daran etwas ändern? Was kommt nach dem Zwangsaufenthalt in der Einrichtung, die immerhin Jugendstraf- und nicht Jugendhilfsanstalt heißt?

Damit ein Neustart gelingt, werden in Wittlich die Schritte der Inhaftierten nicht einfach beschränkt: Mit den jungen Männern wird an neuen Wegen gearbeitet, die sie zum Teil erst lernen müssen, darunter grundlegendes soziales Verhalten: zusammen essen in der Wohngruppe etwa, zusammen arbeiten und dabei miteinander zurecht kommen, ohne aggressiv zu werden. "Man hat erkannt, dass die Jugendlichen mehr Erziehung als die erwachsenen Straftäter brauchen und dafür auch noch erreichbar sind. Ausbildung hat einen neuen Stellenwert bekommen, und wir versuchen, alle in Bildungsmaßnahmen unterzubringen", sagt Robert Haase, Oberpsychologierat und stellvertretender Leiter der Jugendstrafanstalt und verweist auf das neue Gesetz, das seit 2008 für diese Integrationsaufgaben auch mehr Personal zugesteht: "Früher gab es zwei Psychologen, fünf Sozialarbeiter und zwei Lehrer für alle 170 Insassen. Jetzt haben wir zwei Psychologen und zwei Sozialarbeiter allein für die beiden neuen Wohngruppen mit Sozialtherapie mit insgesamt 20 Gefangenen." Und in Zukunft sollen für die "Pädagogisierung des Jugendstrafvollzugs" weitere Fachkräfte eingestellt und die Vollzugsbeamten weitergebildet werden. Auch baulich ist die Anstalt im Umbruch: So soll der Werkhofbereich mit der Halle, in der Firmenaufträge wie Verpackung von Schrauben erledigt werden, mehr als verdoppelt und nebst Schulungsräumen neu errichtet werden. Hier lernen die meisten zum ersten Mal, zuverlässig und konzen triert zu arbeiten. Seit zwei Monaten macht das auch der junge Mann in der blauen Arbeitsjacke. Er sagt: "Ich habe mich gefreut, dass ich hier arbeiten kann. Das ist auch eine Motivation für später, für draußen." Wer fit genug ist, kann eine Bescheinigung fürs Gabelstablerfahren oder in Hauswirtschaft machen. Wer eine lange Haftzeit hat und sich anstrengen kann, schafft womöglich die Lehre als Schlosser: Meist hat dieser Betrieb im praktischen Bereich die besten Prüflinge - und die haben damit gute Eintrittkarten ins Leben draußen.

In einem "Neubau" dem 2000 fertig gestellten Wohngruppentrakt versammelt sich eine Gruppe um den Tisch. Es ist Mittagszeit. Es gibt Nudeln mit Hackfleischsoße und Salat. Ein junger Mann sagt: "Die geben uns einen Stoß, damit wir uns an die Gemeinschaft gewöhnen. Familiär ist was anderes, aber wir bauen zusammen Vertrauen auf." Sein Nachbar sagt: "Wir haben auch zusammen gekocht. Das habe ich im ganzen Leben noch nie gemacht. Das ist ein besserer Weg." Schräg gegenüber beendet einer sein Essen. Er meint: "Und man kann sich auch zurückziehen. Bei Stress hilft, dass Winter ist. Ich mach' das Fenster auf: Zehn Minuten kalte Luft und gut ist." Orientierung, Grenzen, Konsequenzen, nannte Robert Haase als Fremdwörter für seine Schützlinge. Mit der Übersetzung wird in Wittlich begonnen.

Meinung

Spezialfall von Integration

Das Jugendgefängnis ist eine eigene Welt - auch eine spezielle Männerwelt abgesehen von einigen weiblichen Bediensteten. Dass man dort als "offizieller Krimineller" per Richterbeschluss reingeht und nach der Haft als neuer Mensch wieder rauskommt, ist Quatsch. Dass aber gerade bei jungen Menschen Erziehung, vielleicht Wertevermittlung noch möglich ist, stimmt trotzdem. So kann man sich nur wundern über das erschreckende Verhältnis von Gefangenen zu Psychologen/Sozialarbeitern. So gesehen scheint das neue Jugendstrafvollzugsgesetz überfällig. Wo sonst, wenn nicht hier, ist Prävention wichtig? Und Bildung! Die Hälfte der Insassen hat keinen Schulabschluss, viele kommen aus sozialen Brennpunkten. "Draußen" hat also weder Schulplicht noch Elternerziehung gegriffen. Die vom Staat verordnete Chance kann greifen. Nicht immer. Aber wenn sie funktioniert, heißt das: Weniger Opfer - auch unter denen, die als Täter galten. s.suennen@volksfreund.deEXTRA Jugendstrafanstalt: Während es im Erwachsenenvollzug rund 400 Inhaftierte in Wittlich sind, ist die Jugendstrafanstalt für 170 Plätze (Einzelzellen) ausgerichtet, 155 sind belegt. 75 Plätze sind im umgebauten Wohngruppenbereich (sieben Gruppen, davon seit Oktober 2008 zwei mit intensiver Sozialtherapie) untergebracht, 95 auf drei Etagen in einem Gebäude der JVA, in dessen vierter Etage Erwachsene inhaftiert sind. Außerdem gibt es 15 Plätze im offenen Vollzug. Inhaftiert sind Männer von 14 bis 24 Jahren. Das Durchschnittsalter beträgt 20 Jahre bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 13 Monaten. Um die Jugendlichen kümmern sich über 130 Beschäftigte. Rund 100 neue Stellen insgesamt will das Land in den Jugendstrafanstalten Wittlich und Schifferstadt (230 Haftplätze) und der Frauenabteilung Zweibrücken (15 Plätze) ermöglichen. In Wittlich wurden 2008 sieben Stellen geschaffen (für Sozialarbeiter, Psychologen, Sportlehrer), für 2009 sind viereinhalb und für 2010 sind sieben zusätzliche Stellen geplant. (sos)

Mehr von Volksfreund