"Dar Läven der Heiljien" - Die Bibel als Goldesel

"Dar Läven der Heiljien" - Die Bibel als Goldesel

Otto Jakoby aus Osann-Monzel kennt etliche Geschichten aus dem Osanner Dorfleben. Auch eine selbst erlebte, besser gesagt, selbst mitgestaltete Geschichte von der Bibel als Goldesel hat er parat.

Osann-Monzel. (ger) Geld spielte in früheren Zeiten eine ebenso wichtige Rolle im menschlichen Miteinander, wie das heute der Fall ist.

Deshalb war es für Otto Jakoby aus Osann, in der Zeit um 1952 ein 19 Jahre junger Bursche, nicht nur wichtig, ebensolches Geld durch fleißige Mitarbeit als Aushilfe in der Weinkellerei Brösch zu verdienen, sondern auch dieses Geld vor unbefugtem Zugriff zu schützen.

Otto hatte die Heilige Schrift dazu auserkoren. Dieses Buch wurde in der Nachbarschaft liebevoll mit den Worten "Dat Läven der Heiljien" (Das Leben der Heiligen) bezeichnet. Otto steckte seinen Verdienst in Form von Geldscheinen zwischen die Seiten der Bibel und entnahm bei Bedarf genügend an Bargeld. An einem schönen Sommertag war Waldfest in Noviand. Klar, dass auch Otto dabei sein wollte. Er eilte zum "Läven der Heiljien", um ein bisschen Festtagsgeld zu entnehmen.

Doch oh Schreck, die Bibel war weg von ihrem angestammten Platz. "Mutter, wo ist die Bibel?", fragte er seine Mutter Susanna. "Die ist bei Frau Kirsten im Nachbarhaus", entgegnete diese in aller Seelenruhe.

Bibel wird kräftig geschüttel



Ruckzuck war Otto im Nachbarhaus "Frau Kirsten, habt ihr dat Läven der Heiljien? Ich wollte mich mit den Heiljien unterhalten." Frau Kirsten bejahte und reichte das Buch rüber. Otto nahm die Bibel in der Hand, schüttelte kräftig daran, um festzustellen, ob auch nichts vom Inhalt verloren gegangen sei. Just in diesem Moment fielen die Geldscheine aus dem "Läven der Heiljien" zu Boden. "Karamba - ein Wunder", rief Frau Kirsten. In Windeseile verbreitete sie im Dorf die Nachricht vom Geld, das aus der Bibel fällt wie bei einem Goldesel.

Für Otto jedoch war klar: "Dat Läven der Heiljien" war als Versteck für sein Geld nicht mehr tauglich.

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