Das Gefängnis ist ein großer Arbeitgeber

Das Gefängnis ist ein großer Arbeitgeber

Bäckerei, Wäscherei, Küche, Gärtnerei, Schlosserei und eine Schreinerei hinter hohen Mauern: Diese Betriebe gehören zur Justizvollzugsanstalt und der Jugendstrafanstalt. 23 Millionen Euro werden aktuell in ein Wirtschaftsgebäude investiert. Die Fertigstellung verzögert sich und ist für Mitte 2014 geplant.

Wittlich. Arbeit im Gefängnis: Die gibt\'s für 533 Menschen, die in der Justizvollzugsanstalt (JVA) und der Jugendstrafanstalt (JSA) und dem dazugehörigen Krankenhaus in Verwaltung, Vollzugsdienst, Pflege arbeiten. Sie sind die eine Seite, denn auch 464 von zusammen 750 Gefangenen arbeiten. Macht zusammen 997 Arbeitsplätze rund ums größte Gefängnis im Land. "In der JVA arbeiten 59 Prozent, in der JSA 76 Prozent der Insassen", sagt Robert Haase, Leiter der JVA. "Die Arbeitspflicht ist mehr oder weniger Theorie. Wir haben in der Praxis Wartelisten. Bevor man nichts tut und nichts verdient, ist man lieber beschäftigt. Da tickt ein großer Teil ähnlich wie Sie und ich."
Das Pensum sind 38,5 Stunden in der Woche und reicht von der Hilfstätigkeit (Reiniger) über die Arbeit in Wäscherei, Bäckerei, Küche bis zum Einsatz in Unternehmerbetrieben. Was das ist, erklärt Robert Haase: "Wir bieten die Möglichkeit, in der JVA Wittlich einen Unternehmerbetrieb zu gründen. Dort werden mit den Betriebsmitteln und Werkstoffen des Unternehmens und der Arbeitskraft der Gefangenen Erzeugnisse hergestellt. Das heißt: Arbeitskraft und -raum werden von der JVA gestellt; Maschinen, Geräte und Ausstattung werden vom Unternehmen beschafft." Diese Kooperation, die eine Handvoll Firmen nutzt, könne für Unternehmen eine Alternative zu einer Produktionsverlagerung ins Ausland sein.
Vergütet wird der Einsatz der Insassen unterschiedlich. Die Spanne reicht von 8,73 Euro am Tag (Flurreiniger) über 11,64 Euro täglich (Bücherei, Küche) bis zu 14,55 Euro am Tag, die etwa ein Schreibermeister bekommen würde. Wer will, kann sich vom Geld beim Anstaltskaufmann Zeitschriften, Tabak, Körperpflegeprodukte und Ähnliches kau fen.
1000 Essen täglich


Aber Arbeit in der JVA gibt es auch für externe Firmen. Viel Arbeit. Denn das Wittlicher Gefängnis ist eine Millionen-Baustelle. Für rund 70 Millionen Euro wurden unlängst ein neues Haft- und Verwaltungs-, Pfortengebäude, Haftkrankenhaus und ein Blockheizkraftwerk gebaut (der TV berichtete). Und auf 23 Millionen Euro wird das Wirtschaftsgebäude geschätzt, das Mitte 2014 fertig sein soll, etwas später als geplant. "Wir haben aktuell bei einer Baubesprechung erfahren, dass es eine etwa dreimonatige Verzögerung gibt. Das liegt daran, dass eine Firma, die nicht unerheblich beteiligt war, in Konkurs gegangen ist", sagt der Anstaltsleiter. Im Neubau wird dann eine Wäscherei auf 1200 Quadratmetern (bisher 600 Quadratmeter) bis zu zehn Tonnen Wäsche täglich reinigen und die neue Küche bis zu 2000 Essen (bislang 1000) zubereiten können. Auch die Bäckerei, die ausschließlich fürs Land arbeitet, kann zulegen. Dabei hilft die Arbeitsverwaltung der JVA mit 800 000 Euro Eigenleistung beim Millionen-Projekt mit. Von der Metall-Fensteranlage über Küchenmöbel bis zur Vergitterung reicht die Zuarbeit.
Ziel der gesamten Arbeit hinter Gittern ist, Strafgefangene für eine Erwerbstätigkeit nach der Entlassung zu befähigen. Dazu plant die JVA aktuell mit der Agentur für Arbeit Qualifizierungsangebote. "In solchen Maßnahmen sollen Gefangene Qualifikationen erwerben mit dem Ziel, sie nach der Entlassung mit besseren Erfolgsaussichten dem Arbeitsmarkt zuführen zu können", sagt Robert Haase. All das kostet. Justizminister Jochen Hartloff hat unlängst ein landesweites Minus von 17 Millionen Euro für alle Gefängnisbetriebe genannt. "Wir haben Einnahmen, aber es ist ein Minusgeschäft", sagt auch Robert Haase, "Wir brauchen ja viel mehr Personal im ummauerten Gebiet." Der Zusatzaufwand reicht von den Extra-Kontrollen für jeden LKW, der rein- und rausfährt, über Vollzähligkeitsüberprüfungen bis zur rund um die Uhr besetzten Sicherheitszentrale. Robert Haase sagt auch: "Die Strafe ist ja nicht die Arbeit in der JVA, sondern der Freiheitsentzug. Wir wollen aber nicht, dass die Männer im Haftraum veröden."
Und was sagen die Gefangenen? Ein 42-Jähriger sagt: "Ich will vom Haftraum weg sein und Geld verdienen, da ich mir beim Einkauf was gönnen und ich arbeiten und mich damit vorbereiten will auf mein Leben nach meiner Entlassung." Ein 32-Jähriger sagt: "Ohne Moos nix los. Draußen muss man ja auch arbeiten für sein Geld. Die Arbeit gefällt mir, und so gehen die Tage schneller vorbei. Der Wegfall von der Arbeitspflicht ist meiner Meinung nach schlecht. Der größte Grund ist, finde ich, dass man vorbereitet sein soll für das Leben draußen."
Extra

25 Tonnen Wäsche in der Woche werden gewaschen und sieben Tonnen Backwaren hergestellt. Schreinerei, Schlosserei, Polsterei produzieren für Unternehmen und Privatauftraggeber beispielsweise Möbel, Treppen, Geländer, wobei die Rohstoffe fast ausschließlich bei regionalen Firmen gekauft werden. Die Gärtnerei, die 70 Prozent der Produkte selbst erzeugt hat fürs aktuelle Frühjahr beispielsweise 8000 Geranien, 10 000 Frühblüher, 15 000 Salatköpfe und 600 Kilo Feldsalat zu bieten. Und sie verkauft 350 bis 500 Zentner Kartoffel und 230 000 Eier im Jahr. Zum Gefängnis gehört ein landwirtschaftlicher Betrieb bei St. Paul mit 22 Hektar Acker- und 28 Hektar Grünland, der Kartoffeln, Gemüse, Getreide, Mais anbaut und im Zuchtbetrieb 62 Charolais Rinder (davon 30 Mutterkühe) hält. Deren Futter wird selbst produziert. Es gibt 1000 Legehennen. sos

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