Das Geheimnis des vergessenen jüdischen Friedhofs

Das Geheimnis des vergessenen jüdischen Friedhofs

In Zeltingen-Rachtig ist ein lange vergessener jüdischer Friedhof freigelegt worden. Er befindet sich nördlich des Ortes oberhalb der Weinberge des Oberbachtales "Im Engelter". Die Gemeinde hat die Pflege übernommen. Sechs Grabsteine existieren noch.

Zeltingen-Rachtig. Man muss einen steilen, rutschigen Pfad hin-aufsteigen, um zu dem alten jüdischen Friedhof zu gelangen. Bis vor etwa einem Jahr war der schwer zu erreichende Hang, an dessen unterem Ende ein Bach fließt, mit Hecken und Bäumen zugewachsen.
Im Ort erinnerte sich niemand mehr daran, dass sich unter dem Gestrüpp einst ein jüdischer Friedhof befand - bis vor über zwei Jahren Marlene Schömann aus Zeltingen-Rachtig Nachforschungen anstellte und auf die Gedenkstätte aufmerksam machte. Dabei musste sie gar keine großen Recherchen anstellen, denn bereits in dem Buch "Die Juden von Zeltingen-Rachtig", das der inzwischen verstorbene Lehrer Hubert Gessinger 1984 veröffentlicht hatte, werden der Friedhof und dessen Lage beschrieben.
Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier schaltete sich ein, ebenso das Innenministerium in Mainz sowie die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten Rheinland-Pfalz. Was sofort auffiel: 313 jüdische Friedhöfe sind in Rheinland-Pfalz als Denkmal registriert, dieser fehlte aber auf der Liste. Es gab mehrere Ortsbegehungen mit Behördenvertretern und der Gemeinde.
Inzwischen ist auch der sogenannte alte Friedhof registriert, und das Land zahlt der Ortsgemeinde im Jahr 1,10 Euro pro Quadratmeter für die Pflege der Friedhofsfläche.
Hebräische Inschriften


Als die Gemeinde die Hecken und Bäume entfernte, kamen sechs Grabsteine - die meisten waren bereits umgestürzt - zum Vorschein. Die Inschriften auf den Grabsteinen sind alle in hebräischer Schrift. Lehrer Gessinger fand seinerzeit heraus, dass dort unter anderem Clemens Kaufmann aus Rachtig und Maria Anna Kaufmann, Ehefrau von Josef Wendel, beerdigt wurden. Inzwischen sind die gefundenen Grabsteine wieder aufgerichtet, sie werden provisorisch von einem kleinen Pfahl gestützt und sind vom Pfad aus gut sichtbar. Außerdem hat die Gemeinde am oberen Hangende einen Holzzaun gebaut.
In Zeltingen-Rachtig gibt es noch eine weitere jüdische Grabstätte: Dieser "neue jüdische Friedhof" wurde 1876 oberhalb von Zeltingen im Wald angelegt. Hier fanden bis zum Beginn der Vertreibung noch über 60 jüdische Bürger ihre letzte Ruhestätte. Die Pflege - dazu gehören laut einer Verwaltungsvorschrift des Landes eine sichere Einfriedung mit verschließbarem Tor, die Unterhaltung der Zugangswege, das regelmäßige Schneiden des Grases und das Beseitigen von Unkraut - übernimmt die Gemeinde. Für den neuen jüdischen Friedhof erhält sie pro Jahr vom Land rund 900 Euro, für die jetzt wieder freigelegte Ruhestätte 500 Euro.
Vor zwei Jahren hatten Marlene und Stefan Schömann Besuch aus Australien - es waren Nachfahren jüdischer Bürger, die einst in Zeltingen-Rachtig lebten und 1936 ans andere Ende der Welt emigrierten. David Hammerschlag, seine Ehefrau und die beiden Töchter waren auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren. Davids Großmutter Rosa Schömann ist auf dem neuen Friedhof beerdigt. Ihre Eltern wiederum betrieben einst ein Lederwarengeschäft in Zeltingen.
Marlene Schömann, die nicht mit Rosa Schömann beziehungsweise David Hammerschlag verwandt ist, sagt: "Es war sehr ergreifend zu sehen, wie die Familie an dem Grab stand und wie alle zusammen ein jüdisches Lied sangen. Sie und viele andere suchen nach ihren Wurzeln. Deshalb ist die Erhaltung der ehemaligen jüdischen Friedhöfe als Gedenkstätten so wichtig."

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