Das ist alles nur geklaut

Mit einer Zange hat ein 39-Jähriger die Etiketten von Kleidern entfernt und in einem Wittlicher Geschäft mitgehen lassen. Das Amtsgericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 1500 Euro. Die Tricks der Diebe stellen Ladenbesitzer vor ein Problem.

Wittlich. Die Zange bekommt er nie wieder zurück. Mit dem Werkzeug ist der Mann, der auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Wittlich sitzt, mehrfach in ein großes Einkaufsgeschäft gegangen. Er griff sich Lederjacken, Pullover und eine Sporthose, ging in die Umkleidekabine - und schnitt mit der Zange die Sicherungsetiketten ab. Dann zog er die Klamotten unter seinen Kleidern an und ging zum Auto. Ohne zu bezahlen.

Tricks, von denen Gregor Fischer sein Leid klagen kann. Der Ladeninhaber von Parfümerie Fischer verkauft zwar keine Jacken - aber mit Ladendieben macht er häufig genug seine Erfahrungen. Und mit deren Kniffs. Der 48-Jährige erzählt von zwei Langfingern, die sich als Pärchen ausgegeben haben, mit teurer Tasche und schickem Blumenstrauß in der Hand. "Sie fragten nach einem Parfüm, als Hochzeitsgeschenk. Und dabei haben sie dem Verkaufspersonal mit ihrer Tasche so die Sicht verstellt, dass sie zugreifen konnten." Fischer findet: "Die Methoden der Diebe werden immer dreister."

Jutta Kähler, Filialleiterin von Müller, bleibt deswegen stur. Sie zeigt jeden Diebstahl an. Und geklaut werde bei ihr im Laden alles. "Sogar Toilettensteine und Waschlappen." Was das Ganze so kompliziert macht: Einen Dieb zu erkennen, das trauen sich die Ladenbesitzer beim besten Willen nicht zu. Denn, so sagt Kähler: "Mancher hat ein Panzerknacker-Gesicht und ist ganz lieb. Andere gucken lieb und werden dann beim Stehlen erwischt."
Nicht selten ertappt sie Schüler, die nach der Schule durch den Laden laufen. "Natürlich ist nicht jeder ein potenzieller Dieb. Manchmal sind aber auch dort Spitzbuben dabei", sagt Kähler.

Böse Überraschungen erlebte sie schon in anderen Fällen. Wie bei einer 72-jährigen Frau, die ganz unscheinbar eingekauft und dann zugelangt habe. "Sie hat uns auf Knien angefleht, uns nicht anzuzeigen, weil sie schon eine Bewährungsstrafe hatte." Die Frau war Kleptomanin. Besonders seien aber organisierte Banden ein großes Problem, erzählt Gregor Fischer. Diese arbeiten mit ihren eigenen Kniffs, um an Ware zu gelangen. Ein Beispiel, das er erlebt hat: "Es tauchen Leute im Laden auf, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Einer guckt, einer lenkt die Verkäuferin ab, ein anderer ruft im Geschäft an, so dass das Telefon klingelt - und einer greift zu." Fischer beklagt, dass jedes achte Produkt nicht bezahlt werde, das den Laden verlasse. Über die Folgen ärgert er sich: "Am Ende leiden darunter auch die Kunden, wenn sie höhere Preise zahlen müssen. Durch Diebstahl entstehen immense Kosten." 920 Euro, so viel waren die Kleider wert, die der Angeklagte vor dem Amtsgericht in dem Einkaufsgeschäft mitgehen ließ. Er war ein Einzeltäter. Der Mann beteuerte, dass er kein Geld mehr für Kleidung für Frau und Kinder gehabt habe. "Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich mache das nie mehr." Das Gericht verpasste ihm einen Denkzettel. Er bekam eine Geldstrafe von 1500 Euro. Und die Zange, die wurde auch gleich einbehalten. florExtra

2014 wurden bei der Polizeiinspektion (PI) Wittlich 143 Ladendiebstähle zur Anzeige gebracht. Anke Zimmermann, Leiterin der Polizeiinspektion, spricht auch mit einem Blick auf die Fälle in diesem Jahr von einer relativ konstanten Anzahl. Ladenbesitzer Gregor Fischer weist jedoch auf eine hohe Dunkelziffer hin - durch Diebstähle, die nie angezeigt werden. Am meisten werden bei der PI Wittlich gestohlene Kosmetikartikel, Sportbekleidung und Lebensmittel gemeldet. Den besten Schutz vor Dieben sieht Zimmermann in einem erkennbar präsenten, gut ausgebildeten Verkaufspersonal, Sicherungstechnik wie Überwachungskameras sowie übersichtlich gestalteten Räumen. flor