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Das Licht der Welt noch nie erblickt

Das Licht der Welt noch nie erblickt

TRABEN-TRARBACH. (GKB) Das Licht der Welt hat Rudolf Eberhardt im Grunde nie erblickt: Schwer sehbehindert wurde er geboren, erkrankte an einer cerebralen Kinderlähmung, und drei weitere Augenkrankheiten machten ihn vollends blind. Nichtsdestotrotz ist der muntere und interessierte 54-Jährige sehr unternehmungslustig und "schaut" sich die Gegend an.

Nachdem sein Blindenhund "Ali Baba"erkrankte und eingeschläfert werden musste, ist er jetzt auf seinen langen weißen Stock angewiesen, doch der erkennt längst nicht alle Hindernisse, die sich einem Blinden in den Weg stellen. "Ein Lauf mit dem Stock ist schwieriger als acht Stunden Arbeit", sagt Rudol Eberhardt, der im Metallhandwerk tätig war. Ein neuer Vierbeiner wird bereits im thüringischen Arnstadt ausgebildet und ihn im nächsten Jahr auf allen Wegen begleiten. "Mit Hund ist es viel geruhsamer und ohne Gefahren", hat der aus Caputh bei Potsdam stammende Eberhardt festgestellt. Jetzt muss er seinem Stock und seiner Wachsamkeit vertrauen. "Die Brückenstraße ist eine Katastrophe", seufzt er. Viele Hürden tun sich auf, die ein Sehender mühelos umgeht, aber für den Blinden sind Werbeschilder, Auslagen vor den Geschäften, Tische, Stühle und in Gegenrichtung der Einbahnstraße fahrende Radler eine große Gefahrenquelle. Vor einem Jahr verletzte sich Eberhardt beim Sturz an einem Fahrradständer in der Brückenstraße schwer und musste dreimal operiert werden. Beim Überqueren der Straßen verlässt sich der agile Mittfünfziger auf sein gutes Gehör, und er erfährt auch Hilfsbereitschaft im Städtchen, in dem er sich so gut auskennt, dass er sogar Fremden den Weg weisen kann. Manche meinen daraufhin, er sei gar nicht blind und könne noch etwas sehen. "Schön wär's", sagt Eberhardt. Als er 1980 mit seiner Mutter an die Mosel zog, ließ er sich von Wolfgang Sarnes, dem damaligen Leiter des Ordnungsamtes, die einzelnen Straßen genau erklären und beschreiben. "Er hat das so toll gemacht", schwärmt Eberhardt noch heute. Mit seinem Blindenhund begab er sich dann auf den Weg und ergründete seinen neuen Wohnort. Am liebsten spaziert er die Moselpromenade entlang. Das Wasser und die Atmosphäre am Fluss haben es ihm angetan. Die Luft riecht würzig nach Herbst, der Nebel hat sich gelichtet, und die Helligkeit der strahlenden Septembersonne kann Rudolf Eberhardt auch in seiner Blindheit wahrnehmen. Nicht jedoch die Hundehaufen, die oft auf den Wegen liegen, und "wenn Regenpfützen da sind, kriege ich halt nasse Füße", lacht er. Gerne unternimmt der Frührentner Ausflüge. "Schifffahren beruhigt", hat er festgestellt. Tagesfahrten unternimmt er mit der Bahn nach Würzburg, Nürnberg, Köln und Essen. Die Zugverbindungen und wichtige Telefonnummern hat er alle im Kopf, und er genießt die Atmosphäre in den Städten, Gespräche mit Menschen und ein Tässchen Kaffee. In Traben-Trarbach ärgert er sich oft über die "vermatschten und oft völlig zugewachsenen Wanderwege", und auf vielen Straßen fühlt er sich nicht mehr sicher. "In Tempo-30-Zonen wird zu schnell gefahren, und früher waren die Bürgersteige breiter und höher", sagt er. Jetzt fehlen vielfach die Bordsteinkanten, was Autofahrer zum Ausweichen oder Parken auf den Gehwegen verführt. Mit dem zu seiner Linken laufenden Blindenhund gibt es für Eberhardt dann oft kein Durchkommen mehr. "Schauen Sie sich das an", sagt er der Sehenden und weist auf das an die Autofahrer gerichtete Halteverbotsschild in der Poststraße, das mitten auf dem Bürgersteig steht. Etwas rechts daneben ein großer Findling. Hier muss Eberhardt höllisch auf der Hut sein und ein paar Meter weiter ebenfalls: Vor der Moselgalerie versperren ein parkendes Auto und ein Schild den Gehweg, und rechts sind die Pfeiler des Gebäudes. Das ist schon für Nichtbehinderte ein mühevoller Slalomlauf. "Rudi ist sehr tapfer", lobt die Mutter den Sohn, der keine Langeweile kennt, im Haushalt arbeitet, sich mit seinem Lesegerät Texte in Sprache oder Blindenschrift umsetzen lässt, Fernsehen hört und einkauft. Da wird's nur schwierig, wenn die Produkte mal an einem anderen Platz stehen. Mutter Käthe lässt indessen die Nadeln klappern, obgleich sie selbst seit vier Jahren erblindet ist und "alles nur noch im Nebel" sieht. Ohne eine Masche erkennen zu können, entsteht unter ihren flinken Fingern ein schicker Pullunder. "Wir ergänzen uns und sind ein eingespieltes Team", freut sich die rüstige 83-Jährige, und schmunzelnd merkt sie an: "Zuhause sitzen wir im Dunkeln. Wir brauchen ja kein Licht mehr, doch auf der Stromrechnung hat sich das leider noch nicht bemerkbar gemacht."