"Das muss kein Mensch ertragen"

Bianca Karbig leidet seit ihrer Kindheit an Angst- und Panikstörungen. Nun hat sie die erste Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ängsten und Depressionen in der Eifel gegründet.

Bitburg Bianca Karbigs Kühlschrank ist leer. Sie beschließt, einzukaufen. Damit beginnt für sie ein Albtraum: Rund zehnmal kontrolliert sie ihre Tasche, packt sie immer wieder aus und wieder ein. "Habe ich alles dabei? Geld, Handy, Medikamente?" Eine gepackte Tasche fürs Krankenhaus liegt immer in ihrem Auto. Damit sie niemandem zur Last fällt, wenn ihr etwas passiert. Bloß niemandem zur Last fallen, das ist ihr wichtig. Nachdem sie ihre Handtasche immer wieder kontrolliert hat, prüft sie den Herd und die Kaffeemaschine, "damit ich nicht daran Schuld habe, wenn jemandem was passiert". 35 bis 40 Minuten dauert die Kontrolle insgesamt. Erst dann steigt sie ins Auto. Dort geht es weiter: Wieder die Handtasche kontrollieren. Vor dem Supermarkt angekommen redet sie sich erstmal 20 Minuten gut zu, dass ihr nichts passiert, wenn sie jetzt aussteigt. Sie bekommt Herzrasen, Schweißausbrüche, ihr wird schwindelig. Sie hat Angst umzukippen, zu sterben.
Schließlich überwindet sie sich und betritt das Geschäft. Sie fühlt sich wie im Tunnel, sieht nichts, "rennt im Schweinsgalopp" durch den Supermarkt. "Wie oft habe ich den Einkaufswagen mitten im Laden stehen lassen und bin rausgeprescht", erzählt sie. Dann habe sie lieber einen leeren Kühlschrank in Kauf genommen. "Das war 38 Jahre lang kein Leben, sondern Überleben", sagt sie. Sie leidet seit ihrer frühen Kindheit unter Ängsten und einer Panikstörung (siehe Info). "Wie oft habe ich mir gewünscht, Angst vor Aufzügen zu haben oder vor Spinnen", sagt die gebürtige Norddeutsche, die seit 15 Jahren in der Eifel lebt. Aber Karbig hat Angst vorm Autofahren und vor Menschen. Außerdem hat sie einen Putzzwang, einen Kontrollzwang, eine Essstörung und Sportsucht.
"Ich habe täglich drei Stunden Sport gemacht", erzählt sie, "mein Leben war komplett durchstrukturiert, 16 Stunden am Tag". So habe sie nicht über ihr Leben nachdenken müssen, sagt die 39-Jährige. Aber die Psyche suche sich ein Ventil. So seien nach und nach immer mehr Störungen hinzugekommen. "Das muss kein Mensch ertragen", sagt Karbig heute. Das Leben ist nämlich durchaus lebenswert als Psychosomat." Sie lacht. Deshalb hat Bianca Karbig eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ängsten und Depressionen gegründet - die erste in der Eifel. Denn so etwas hätte sie sich selbst gewünscht, als es ihr schlecht ging. Sie habe ihre Therapeutin damals gefragt, ob es eine Selbsthilfegruppe gebe. Nur in Trier, lautete die Antwort. "Da habe ich gefragt, wie soll ich denn mit Panik nach Trier kommen?" Zu der Zeit habe sie nicht weiter als fünf bis zehn Kilometer Auto fahren können. Deshalb habe sie sich vorgenommen, eine Gruppe (siehe Extra) zu gründen. Nun war es soweit: Vor einigen Wochen war die erste Sitzung. Auf Anhieb kamen zwölf Betroffene. Bianca Karbig hat sich inzwischen mit ihrem Leben auseinandergesetzt. Vor sechs Jahren bekam sie Krebs, vor zwei Jahren auch noch einen Schlaganfall. "Ich war sogar dankbar, als der Krebs ausgebrochen ist", sagt die 39-Jährige. "Endlich hatte ich eine Diagnose und es war sichtbar, dass es mir nicht gut ging." Denn Ängste sehe man niemandem an. Das sei das Schlimme, "nach außen siehst du ja gut aus".
Vergangenes Jahr sei ihr Leben zusammengebrochen: Ihre Beziehung endete, sie zog um, und wurde, weil sie nicht mehr leistungsfähig war, innerhalb weniger Wochen gekündigt. Damals sei ein Trauma ausgebrochen, das Karbig jahrelang verdrängt hatte: Sie wurde als Kind innerhalb ihrer Familie missbraucht. Diese habe das unter den Teppich gekehrt und dafür gesorgt, dass der Missbrauch nicht rauskomme. "Nicht die Gewalt hat mich traumatisiert, sondern die Ignoranz, die Kälte, mit der ich erzogen wurde", sagt sie. Karbig ließ sich in die Psychiatrie einweisen. Sie blieb vier Wochen, auf die weitere sechs Wochen in einer Trauma-Klinik im Saarland folgten. "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt sie heute, "da bin ich durch die Hölle gegangen". Es habe sich alles für sie zusammengefügt, was sie vorher nicht verstanden habe. In der Klinik habe sie angefangen, ihr Leben zu überdenken.
Und das räumte sie auf: Sie brach den Kontakt zur Familie ab, lernte wieder, Auto zu fahren, entschied sich für eine Umschulung zur Heilpraktikerin für Psychologie und baute sich ein komplett neues Umfeld auf. "Mir ist nur ein Mensch aus meinem früheren Freundeskreis geblieben, und der ist heute mein Partner", sagt sie und lacht. "Ich habe nie gedacht, dass überhaupt mal ein Mensch hinter mir stehen könnte." Jetzt erst fange sie an, Menschen zu vertrauen - mit 39 Jahren.Extra: TEUFELSKREIS DER ANGST


Die Panikstörung gehört zur Gruppe der Angststörungen. Von einer Panikstörung spreche man, wenn jemand so Angst habe, dass er denke, er müsse sterben, obwohl die Situation objektiv betrachtet nicht bedrohlich sei, sagt Dr. Birgit Weinmann-Lutz, stellvertretende Leiterin der Psychotherapieambulanz der Uni Trier. Der Betroffene versuche häufig, die Situation, in der er Panik hatte, zu vermeiden. Dadurch stabilisiere sich die Angst, erklärt Weinmann-Lutz. Deshalb spreche man auch vom Teufelskreis der Angst.Extra: DIE SELBSTHILFEGRUPPE


Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ängsten und Depressionen trifft sich alle zwei Wochen dienstags beim Caritasverband in der Brodenheckstraße 1 in Bitburg. Wichtig ist, dass alle Betroffenen Diagnosen haben und in Therapie sind oder Therapieerfahrung haben. Die Selbsthilfegruppe sei keine Therapie und ersetze keine Klinik. Unterstützt wird die Gruppe von der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (SEKIS) Trier. Info: Bianca Karbig, Telefon 0151/21383826.