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Das war's: Keine Gratis-Brezeln mehr

Das war's: Keine Gratis-Brezeln mehr

An Weiberdonnerstag regnet es Bonbons aus dem Alten Rathaus, beim Fastnachtsumzug Süßigkeiten von den Wagen, Weckmänner verschenkt der Nikolaus, Brezeln der heilige St. Martin. Aber beim Martinszug gibt es immer wieder Ärger und Beschwerden. Das will der Kulturausschuss ändern und streicht unter anderem die kostenlose Brezelausgabe.

Wittlich. 2000, 1000, mehrere Hundert: Immer weniger Menschen zieht der Martinszug in die Stadt. Die Teilnehmerzahlen der Großveranstaltung im November sinken, die Stimmung auch. Deshalb merkte im Dezember Rudolf Bollonia (Grüne) im Kulturausschuss an: "Da sind unter den Besuchern ganz viele verärgert. Das macht keinen Spaß mehr." Die kritischen Punkte: Der Zug "fällt" teils auseinander, der St. Martin ist zu schnell verschwunden, die kostenlose Brezelausgabe wird zu einer Art Schlacht der Habgierigen, die Musik ist kaum zu hören, mitgesungen wird fast nicht, die Einzelhändler lassen ihre Ladenbeleuchtung an und stehlen dem Laternenlicht damit die Schau.


Um die generelle Entwicklung zu skizzieren, sagte damals Albert Klein, erster Beigeordneter (CDU): "Und heute kommen mit einem Kind vier Eltern und acht Opas. So ist das. Das ist kein Kinderzug mehr."
"Wir werden da noch mal drüber diskutieren", versprach Bürgermeister Joachim Rodenkirch. Und zwar in der ersten Sitzung des Kulturausschusses im neuen Jahr. Das Fazit: Den Martinszug in der Wittlicher Innenstadt wird es wie bisher nicht mehr geben. Der Kulturausschuss ist sich nach breiter Kritik von den Bürgern und Mitwirkenden einig, dass er generalüberholt werden muss. Die größte Veränderung: Es werden keine Brezeln mehr verteilt. 1000 Stück werden alljährlich verschenkt, geliefert von der Brückenmühle und der Mühlenbäckerei Lüxem. Stattdessen erhalten Kitas und Grundschulen ausreichend Riesenbrezeln. Ein solches Zuckergebäck reiche für 25 Personen, die es untereinander teilen, was dem Gedanken des Feiertags entspreche.
Helfer mit Steinen beworfen


Das sei die Konsequenz aus dem um sich greifenden Sammelfieber Erwachsener, die es beim Martinszug ausschließlich auf die Brezeln abgesehen haben, wie im Ausschuss gesagt wurde. Es sei sogar vorgekommen, dass Helferinnen mit Steinen beworfen wurden, als sie darauf hinwiesen, dass die Brezeln nur an Kinder verteilt würden, sagt Kulturamtsleiterin Elke Scheid.
Weitere Konsequenzen des Kulturausschusses an der Kritik zur Veranstaltung: Um den Martinszug wieder aufzuwerten, soll die Musik künftig überall im Zug zu hören sein, das Tempo gedrosselt werden und der St. Martin auf dem Pferd für alle Kinder zu sehen sein. Der Ausschuss schloss sich zudem Michaele Schneiders (CDU) Vorschlag an, Kitas und Musiker in die Gespräche über künftige Verbesserungen miteinzubeziehen. Aufgegeben hat man bereits das Schauspiel im Stadtpark, das 2002 Uraufführung hatte. Grund: Rückgang des Besucherinteresses. Außerdem konnte das Publikum nicht das Ende und die Aufstellung zum Zug durch die Stadt abwarten, um schnellstmöglich zur Brezelausgabe zu kommen.
Und wie lange gibt es schon den Zug? "Nicht bekannt. Ich persönlich bin schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Martinszug gegangen", sagt Ulrich Jacoby, Pressesprecher der Stadtverwaltung.
Was ist Ihre Meinung zum Martinszug? Haben Sie Verbesserungsvorschläge? Bitte mailen Sie uns kurzgefasst an mosel-echo@volksfreund.de
Meinung

Armutszeugnis für Erwachsene
Dass raffgierige Erwachsene eine schöne Geste der Stadt zu einer Art Kampf um kostenlose Brezeln ausarten lassen, ist ein Armutszeugniss. In kleineren Gemeinschaften wie den Stadtteilen oder Dörfern wäre das vermutlich nicht möglich. Da kennt man sich noch und wüsste sich zu helfen. Offensichtlich ist das in Wittlich nicht mehr so. Eine im Wortsinne asoziale Minderheit sprengt damit eine Traditionsveranstaltung. Offensichtlich weiß die Stadt sich nicht anders zu helfen, als das Angebot komplett zu streichen. Das ist besonders schade für die Kleinsten im Zug, die noch stolz ihre Laternen zeigen und sich über die süße Überraschung am Schluss des Zuges gefreut haben. Die bekommen sie künftig im Kindergarten. Ob die geteilte Brezel dort genausogut schmeckt wie am großen Feuer in der Novemberdunkelheit? s.suennen@volksfreund.deExtra

2750 Euro investiert die Stadt Wittlich in den Martinsumzug im Zentrum. Ulrich Jacoby, Pressesprecher der Stadtverwaltung, listet die Kosten auf TV-Nachfrage: 800 Euro Brezeln, 90 Euro Sanitätsdienst, 173 Euro Fackeln, 1531 Euro Bauhof, 153 Euro Absperrgitter Bepo. Ehrenamtlich tragen zur Brauchtumsveranstaltung bei: Blasorchester Wittlich, Reitverein, Freiwillige Feuerwehr, Kita Jahnplatz. Für die Umzüge in den Stadtteilen werden 2059 Euro gelistet, davon 1939 Euro für Brezeln. sos