Das Wichtigste

Wie oft habe ich in den letzten Wochen immer wieder die Worte gehört: "Alles Gute zum Neuen Jahr! Vor allem Gesundheit, das ist ja doch das Wichtigste!" Ja, ist es wirklich "das Wichtigste"? Ich setze ein dickes Fragezeichen hinter diese Behauptung und frage zurück: Gibt es das überhaupt "die Gesundheit"?

Schaue ich mich nämlich um, so gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass es "die Gesundheit" nicht gibt. Rückenschmerzen, zu hoher Blutdruck oder Cholesterinspiegel, Depressionen, Ängste - wer ist nicht vom einen oder andern oder sonst einem Leiden betroffen? Das Erstaunliche dabei ist nur: Der eine fühlt sich dabei krank, der andere nicht. Lässt sich das eindeutig beurteilen? Und was ist mit den Menschen, die eine Behinderung haben? Angeboren oder zugestoßen. Wünsche ich denen auch "Gesundheit" als "das Wichtigste"? Gesundheit ist offenbar keine feste Größe, weil es sie isoliert nicht gibt. Jede Unstimmigkeit, jedes Problem in meinem Leben wirken auf meinen körperlichen Zustand, auf meine Gesundheit ein, im Negativen genau so wie im Positiven. Nur so kann jemand, der querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt wie Wolfgang Schäuble, von sich sagen: "Es geht mir gut!" Und wie gelingt das mit einem so behinderten Körper? "Meine Familie und mein Glaube helfen mir, ja sie tragen mich." Mit diesen Worten benennt Schäuble sicher die beiden Lebensbereiche, die für jeden von uns die tragenden sind - sein sollten: Familie und Glauben. Sie geben uns Vertrauen in die Welt und damit die Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden, dafür, dass es uns gut geht. Vertrauen nimmt auch der Angst ihren Schrecken. Deshalb konnte Dietrich Bonhoeffer, dessen 100. Geburtstags wir am 4. Februar gedenken, auch kurz vor seiner Hinrichtung schreiben: "Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarte ich getrost, was kommen mag." Ilse Limper, Wittlich

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