"De Pelzebock kitt"

"Niklaus, Niklaus, lieber Mann, Klopf an unsre Türe an! Wir sind brav, drum bitte schön, lass den Stecken draußen stehn..." singen die Kinder am Vorabend des 6. Dezember. Und hoffen auf reiche Gaben aus dem Sack.

Daun. An und für sich freuten wir uns ja sehr auf den Nikolausabend. Hatten wir doch Lieder und Gedichte geübt, waren besonders fleißig und artig in der Schule gewesen und hatten recht viel Heu und gehäckselte Rüben gesammelt, damit Nikolaus' Esel auch ja genug zum Fressen haben sollte. Vor dem Nikolaus, jenem heiligen Mann mit dem Bischofsgewand und seinem langen Bart, hatten wir weniger Angst. Und dennoch harrten wir mit gemischten Gefühlen der anbrechenden Dunkelheit am "Nikolausabend", sangen und beteten laut und doch so leise, um ja nicht das Klingeln der Glöckchen zu überhören, die sein Kommen ankündeten. Aber - Nikolaus, der Freund der Kinder, kam nicht allein. Ihm zur Seite gegeben war eine gar fürchterliche Gestalt. Schwarz gekleidet mit dunklem Gesicht, aus dem glühend rote Augen, wie mit Blut unterlaufen, uns Kinder anstarrten. Rote Hörner wuchsen aus seinem schwarz gekräuselten Lockenkopf, an Händen und Füßen rasselten Ketten, und bedrohlich schwenkte er dicke Rutenbündel. Hässliche Knurrlaute und heiseres Fauchen gab er von sich, aber für uns Kinder war das Schlimmste der große Jutesack auf dem Rücken, aus dem zwei schmächtige Beinchen baumelten, ein Kind, das der schwarze Geselle einer Familie entrissen, in seinen Sack gestopft hatte, um es nun für immer zu entführen, "weil es sich nicht geschickt hatte". Unsere Angst und Furcht waren berechtigt. Öfter als einmal hatten wir von Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen die Drohung vernommen: "Na warte, wenn ich das dem Nikolaus erzähle! Dann kommst du in den Sack!" Oberflächlich betrachtet, hatte die Drohung meist Erfolg. Selbst die größten Rabauken wurden lammfromm. Und dennoch: Auf Dauer war Nikolaus als pädagogischer Helfer ungeeignet, erst recht, wenn er sich als Hilfe dazu einer Figur bedienen musste, die selbst heute noch jedem Horrorfilm Ehre machen würde. "Pelzebock" nannten wir ihn. Und selbst die Erklärung, dieses Wort sei dem biblischen Begriff Beelzebub entlehnt, machte die Erscheinung jenes "Polterkläsjen" nicht weniger furchterregend. Für uns war und blieb er ein "Bock im Pelz". Selbst die Titulierungen "Knecht Ruprecht" (= rauer, ruppiger Percht) oder "Hans Muff" (= muffliger Hans) waren viel zu harmlose Namen für jenen "dienstverpflichteten Höllengeist", der sich polternd herumwälzte und uns schon mal die Ruten um die Füße spüren ließ. Was waren wir froh, dass Nikolaus, "der heilige Mann", jenen "Schwarzen" scheinbar fest unter seinem Kommando hatte. Kaum vernahmen wir die lobenden und auch teils tadelnden Worte von Nikolaus, weil unsere Augen und ganze Konzentration sich jenem schwarzen Unhold widmeten, um bloß nicht in dessen Reichweite zu kommen. Manches Kind verkroch sich vor Angst unters Sofa. "Noch heute mit fast 60 Jahren denke ich mit Wut und Entsetzen daran, wie der Schwarze uns prügelte und versuchte, uns in den Sack zu stecken. Und was für mich das Schrecklichste war und ich bis heute nicht begreife, ist, dass die Erwachsenen sich nicht wehrten. Irgendwie schien es denen recht zu sein, uns schreien zu hören", erinnert sich Heinz aus Steineberg. Auch wenn der Nikolausabend letztlich friedlich und fröhlich bei Singen und Spielen, mit Plätzchen und getrocknetem Obst ausklang, so verfolgte uns dennoch jene Schreckensgestalt oft bis in unsere Träume. Am Morgen eilten wir verstört und neugierig zur Schule, um nachzuschauen, welches Kind fehlte. Waren wir doch fest überzeugt, die aus dem Sack des Pelzebocks herausbammelnden Beinchen würden einem Spielkameraden ähneln. Und wenn dann alle Klassenkameraden anwesend waren, atmeten wir auf. Zum Glück keiner von uns, sicher einer aus dem Nachbarort. Warum hatte sich der denn auch nicht benommen?