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Archiv: Januar 2020: Der Fieberberg im Alftal: Wo einst die Motoren dröhnten

Archiv: Januar 2020 : Der Fieberberg im Alftal: Wo einst die Motoren dröhnten

Die Kreisstraße 135 aus dem Alftal auf die Moselhöhen ist eine beschauliche Bergstraße. Das war nicht immer so. In früheren Jahren wurde hier Motorsportgeschichte geschrieben.

Es ist ruhig am Fieberberg. Meist auf langen Geraden oder sanft geschlängelt führt die Kreisstraße 135 von Bengel im Alftal im Kreis Bernkastel-Wittlich auf den Fieberberg, von wo aus man dann ins Moseltal bei Kröv kommt. Ein Reh überquert seelenruhig die Straße. Weit und breit ist kein Auto in Sicht. Das hat momentan natürlich seinen Grund: Die Straße ist wegen der Erneuerung von wichtigen Wasser- und Gasleitungen gesperrt.

Aber so ruhig war es auf der Fieberbergstrecke meist nicht. 20 Jahre lang, von 1976 bis 1996 dröhnten auf gut drei Kilometern des Anstieges (etwa 280 Höhenmeter) die Motoren von Rennmotorrädern. Das Fieberbergrennen war zeitweise ein Lauf zur Deutschen Meisterschaft. Etliche erfolgreiche Motorradfahrer gaben ihre Visitenkarte ab. Darunter der fünfmalige Weltmeister Toni Mang, Weltklassefahrer Martin Wimmer, der zweimalige Vizeweltmeister Reinhold Roth oder der sechsmalige Seitenwagen-Vizeweltmeister Werner Schwärzel mit seinem Beifahrer Andreas Huber.

 Fieberberg Fotos Holger Teusch
Fieberberg Fotos Holger Teusch Foto: TV/Holger Teusch

Schon bei der Premiere 1976 gingen 250 Fahrer an den Start. In der Spitze waren es zum Ende des Jahrzehnts 300, die insgesamt 1500 Mal starteten. „Es war eine schnelle Strecke“, erinnert sich der aus Niederstadtfeld (Vulkaneifelkreis) stammende und heute in Bad Münstereifel (Nordrhein-Westfalen) lebende Rudolf Großmann.

 Fieberberg Fotos Holger Teusch
Fieberberg Fotos Holger Teusch Foto: TV/Holger Teusch

Nach der ersten Links-, der sogenannten Dallkurve und der kurz darauf folgenden 180-Grad-Kehre, die nach dem unweit davon vorbei fließenden Bach Scherbachkurve genannt wurde, wurden auf der sogenannten Hopster-Geraden trotz elf Prozent Steigung Spitzengeschwindigkeiten von über 200 Kilometern pro Stunde erreicht. „Auf den Geraden berghoch konnte man Vollgas geben“, erinnert sich Großmann, der unter anderem 1979 mit seinem Beifahrer Manfred Görgen aus Hohenfels-Esslingen die Seitenwagenkonkurrenz gewann.

In den ersten Jahren war Großmanns Verein, der Motor-Sport-Club-Eifel Niederstadtfeld, gemeinsam mit dem Automobil- und Motorsportclub Alf Organisator des Fieberbergrennens. Ab der dritten Auflage war der saarländische Club AMC Wemmetsweiler zusammen mit der sogenannten Renngemeinschaft Fieberberg Ausrichter.

Für die Vereine in Bengel war das eine lukrative Sache, erzählt Hans-Peter Schon aus der Alftalgemeinde. „Die Bengeler waren für das Drumherum verantwortlich“, so Schon. Der Chor verkaufte die Eintrittskarten an die Zuschauer, der TuS Bengel versorgte die Menschen an der Strecke mit Getränken.

Die Rennfahrer reisten bereits freitags an. Manche campierten im Zelt direkt bei Start und Ziel unweit des beschrankten Bahnübergangs. Die meisten kamen aber mit Wohnwagen. Der Samstag war der Trainingstag für die Motorsportler, bei dem sie sich mit der Strecke vertraut machen konnten. Abends fand der berüchtigte Rennfahrerball in der Bengeler Turnhalle statt.

„Da war immer viel Betrieb“, erinnert sich der langjährige Bengeler Ortsbürgermeister Walter Debald. „In den ersten Jahren rechneten wir, dass 20 000 Zuschauer am Renn-Wochenende kamen“, erzählt Schon, wie beliebt die Veranstaltung war. Die Einnahmen aus der Turnhalle und die vom Getränkeverkauf an die Zuschauer blieben bei den Bengeler Vereinen, sagt Schon. Aus dieser Zusammenarbeit sei später die Bengeler Vereinsgemeinschaft entstanden, die heute viele Feste im Ort organisiert. Die Einnahmen kamen auch der Allgemeinheit zugute. „Damit wurde die komplette Bestuhlung und die Tische für die Halle beschafft“, nennt Schon ein Beispiel.

Aber als Mitte der 1980er Jahre die Starterzahlen zurückgingen, machte der AMC Wemmetsweiler fast 10 000 D-Mark Verlust. Das könne man längerfristig nicht durchhalten, erklärten die Saarländer und baten die Bengeler um eine Beteiligung an deren Einnahmen. Das zeigte: Die große Zeit der Bergrennen neigte sich ihrem Ende zu.

Ein tödlicher Unfall 1993, nicht während des Rennens, sondern bei der gemeinsamen Rückfahrt der Starter ins Tal, überschatteten die letzten Jahre des Fieberbergrennens. Der Trierer Motorradhändler Adolf Hisgen kam damals ums Leben.

Um die Teilnehmerrückgänge aufzufangen, wurden 1988 historische Motorräder zugelassen. „Zum Schluss sind auch Autos gefahren“, berichtet Debald. Doch gepaart mit höheren Sicherheits- und Umweltauflagen, schob sich das Ende nur hinaus, bis 1996 wirklich Schluss war.

Der neue Bengeler Ortsbürgermeister Bruno Kihm zeigt auf das kurze Schreiben, das letzte in den beiden Ordnern zum Fieberbergrennen: Das Rennen müsse 1997 ausfallen, heißt es kurz und knapp und ohne Begründung. Seitdem können die Rehe auch am ursprünglichen Rennwochenende im Sommer ruhiger die Kreisstraße 135 überqueren.