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Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten

Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten

Anfang der 50er-Jahre wurden alle Dinge, die man nicht unbedingt brauchte, in Geld umgesetzt. Hinter den Scheunen lagen manche kaputte und alte Teile von Ackergeräten. Das alles wurde hervorgesucht, denn es brachte gutes Geld.

Die Eisenhändler fuhren jeden Tag durchs Dorf, um Alteisen, Schrott und Blei aufzukaufen. Auch die Suche nach einem Arbeitsplatz begann allenthalben. Es gab viele Möglichkeiten und man hörte immer wieder, da und dort gebe es Arbeit. Ich weiß noch, wie unser Opa einmal gesagt hat: "Und wenn man auch nur 100 Mark im Monat verdienen kann, das wäre schon wunderbar." Die Frauen und Kinder gingen Himbeeren und Brombeeren pflücken, und so mancher Eimer voll wurde im nächsten Städtchen verkauft. Im Frühjahr und Herbst wurden im Gemeindewald junge Bäume gepflanzt. Das bezahlte die Gemeinde in Stundenlohn. Jeder aus dem Dorf, der Zeit hatte, half da mit. Das Geld konnte man gut gebrauchen, denn in den Geschäften gab es wieder alles zu kaufen. Ich weiß noch, dass man eine Zeit lang im Dorf immer samstags Fleischwurst kaufen konnte. Da standen dann alle Leute an, um die beliebte Fleischwurst zu ergattern. Vorher hatte es immer nur die Hausmacher Blut- und Leberwurst aus der eigenen Schlachtung gegeben, aber Fleischwurst war schon etwas Besonderes. Ich kann mich noch erinnern, dass eine Frau sagte: "Ich könnte einen ganzen Meter Fleischwurst essen." In dieser Zeit kamen auch viele Neuerungen in den Handel, die gerne gekauft wurden. Und so langsam hatten auch alle, die arbeiten konnten, einen festen Arbeitsplatz. Ich weiß noch, dass mein Mann in der Erzgrube bei Altlay im Hunsrück, etwa sechs Kilometer von unserem Dorf Löffelscheid entfernt, damals ungefähr 200 Mark im Monat verdiente. Das war in den 50er-Jahren gut bezahlt, aber die Arbeit war auch sehr schwer. Er ging zu Fuß zur Erzgrube und nach der Schicht den mühsamen Weg den Berg hinauf wieder nach Hause. Doch wenn es auch Arbeit gab, so musste man trotzdem ganz schön sparen, um über die Runden zu kommen. Meistens war auch irgendwas am Haus zu reparieren, was Jahre lang nicht möglich gewesen war. So war ich sehr froh, dass es "Burda-Moden" gab. Von den Versandhäusern ließ ich mir viele verschiedene Stoffreste schicken, aus denen ich mit ein wenig Phantasie und den Schnitten aus "Burda-Moden" für unsere Mädchen wunderschöne Kleider nähte. Das war viel, viel billiger als fertige Kleider zu kaufen. Als es dann auch noch Waschmaschinen gab, da war die neue Zeit wirklich etwas Wunderbares. Bei den ersten Waschmaschinen musste man die Schleuder zwar noch extra kaufen, aber trotzdem war es eine ungeheure Erleichterung für die Hausfrau. Vorher hatte man schon morgens in aller Früh in der Küche an der Waschbütt gestanden, um die Wäsche zu waschen. Nun blieb nur noch das Auswaschen der Wäsche, und in der Schleuder wurde sie so trocken, wie es mit Auswringen nie möglich gewesen war. Wir beschlossen nun auch, uns ein Badezimmer einzurichten. Ein kleines Abstellzimmerchen schien uns dafür geeignet. Auf den Boden kam Linoleum. Der Wasseranschluss wurde von der Küche aus gelegt. Das Abflussrohr konnte durch die Wand nach draußen geführt werden und von da aus in einen Senkschacht, wo das Wasser versickern konnte. Das Rohr vom Badeofen wurde an den nahe gelegenen Schornstein angeschlossen. Ich fühlte mich wie ein König, als alles fertig war. Nun mussten unsere Kinder nicht mehr in der Küche in der großen Waschbütt gewaschen werden, sondern konnten in einer richtigen Badewanne baden und nach Herzenslust planschen. Aber auch für uns Erwachsene war es ein herrliches Gefühl, in einer Wanne zu baden. Die Waschmaschine und die Schleuder bekamen nun auch ihren Platz im Badezimmer. So konnte ich die Wäsche in der großen Badewanne auswaschen. Vorbei war der mühsame Waschtag, im Gegenteil - das Waschen machte nun richtig Spaß. Von einer Begebenheit möchte ich noch erzählen. Es war in der Erntezeit: mein Bruder, seine Frau, Schwager und Schwägerin, waren den ganzen Tag über in der Scheune beim Dreschen gewesen. Nach getaner Arbeit beschlossen sie, so staubbedeckt und schmutzig wie sie waren, zu uns zu fahren und in unserem schönen neuen Badezimmer zu baden. Es war ein großes Hallo, als sie bei uns ankamen. Schnell machten wir Feuer im Badeofen. Es dauerte auch nicht lange, bis das Wasser warm war. Sie waren so begeistert, in einer Wanne baden zu können, dass sie bald darauf in ihrem Haus auch ein Badezimmer einrichteten. So war der Fortschritt in den 50er-Jahren nicht mehr aufzuhalten. An manches Schöne, das es heute nicht mehr gibt, denke ich mit Wehmut, doch zurückdrehen möchte ich die Zeit auch nicht mehr. Cäcilie Alt (82), ehemalige Kindergärtnerin aus Löffelscheid