Der Glöckner vom Hospital

BERNKASTEL-KUES. Albert Neises lebt seit mehr als zehn Jahren im Altenheim Cusanusstift. Jeder kennt ihn als den "Glöckner vom Hospital", denn er hat die ehrenvolle Aufgabe, die beiden kleinen Glocken des Turmes zu jeder Messe zu läuten.

Jeden Mittwoch und Samstag schlägt die große Stunde für Altenheimbewohner Albert Neises. Dann macht er seinem (Spitz-)Namen "Glöckner vom Hospital" alle Ehre, denn pünktlich um 15.45 Uhr zieht er mit kraft- und gefühlvoller Hand an den beiden Glockenseilen vor dem Säulenpfeiler in der Kapelle. Alberts Geläute ruft die Gläubigen zur Messe - Altenheimbewohner wie auch Bernkastel-Kueser Bürger. "Der Albert läutet so schön", darin sind sich alle einig. Morgens verteilt er persönlich den TV

Auf jeden Fall ist er der Einzige, der Kirchenglocken noch mit eigener Hand in Schwingung versetzt. Mit Begeisterung und Stolz schreitet der 72-Jährige jedes Mal zur Tat: "Solange ich kann, werde ich die Hospitalsglocken läuten", versichert er. So lange er kann, wird er auch während der Gottesdienste die Opferkörbchen an den Mann und die Frau bringen. Der freundliche, immer gut gelaunte Herr, den jeder nur Albert nennt, ist allseits bekannt und beliebt - nicht nur als Glöckner. Denn er setzt sich auf vielfältige Weise für seine Mitbewohner ein. Er weiß, wo seine Hilfe gefragt ist. Albert ist "Mädchen für alles" - und das mit großer Freude. Ob er die Rollstuhlfahrer pünktlich zur Messe abholt, mit einer Kuhglocke das tägliche Mittagstischgebet im Speisesaal einläutet, die kleinen Einkäufe für Mitbewohner erledigt oder dem Bäcker nach dem frühmorgendlichen Ausleeren der frischen Brötchen die Körbe wieder zum Abholen bereitstellt: Albert Neises macht sich rund um die Uhr nützlich. Stolz zeigt er die Funkuhr an seinem Handgelenk: "Ein Dankeschön vom Bäcker." Das Arbeiten ist Albert Neises, der 1934 als Drillingskind in der Eifelgemeinde Arenrath geboren wurde, seit frühester Jugend gewöhnt. Er wuchs mit neun Geschwistern auf und packte im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb kräftig mit an. Dem Vater, der als Posthalter tätig war, halfen die Jungen beim Verteilen der Briefe. Das beherzigt Albert heute noch. Zwar sind es keine Briefe, die er im Hospital verteilt, aber er sorgt für die pünktliche Zeitungs-Zustellung am Morgen. Für den Boten des Trierischen Volksfreunds steht eine Zeitungsbox bereit, deren gedruckten Inhalt Albert an die TV-Abonnenten in den beiden Häusern (Stift und Moselhaus) verteilt. Auch Rektor Alfons Bechtel bedient er persönlich mit dem Volksfreund. Die Hände in den Schoß legen und und nichts tun, das kommt für den hilfsbereiten Mann nicht in Frage. Auch wenn er selbst etwas gehbehindert ist, heißt das für ihn noch lange nicht, untätig "herumzusitzen". Er erledigt Botengänge zu Ärzten und Apotheken, worüber sich die Pflegekräfte im Hospital sehr freuen, denn Zeit ist rar. Einer wie Albert sieht überall die Arbeit. So ist der 72-Jährige im Altenheim und in der näheren Umgebung den ganzen Tag unterwegs - nur sein Mittagsschläfchen, das ist ihm heilig. An eine besondere Situation, die das Cusanustift in arge Bedrängnis brachte, kann er sich noch gut erinnern: an das 1993er-Hochwasser. Er half damals beim großen Räumen: "Wäre die Mosel nur noch einen Zentimeter gestiegen, dann hätten wir evakuieren müssen", denkt er zurück. Der Eifeler lebt schon etliche Jahre an der Mosel und hat den Moselwein schätzen gelernt. "Klar, dass ich der Vinothek und den netten Leuten dort öfters mal einen Besuch abstatte und den Neuen probiere", lacht er. Auch der Liebe zum Fußball, die die Drillinge schon als Kinder verband, ist Albert treu geblieben. "Bei der Weltmeisterschaft werde ich am Bildschirm mit dabei sein und für die Deutschen fest die Daumen drücken", bekräftigt der Fan mit leuchtenden Augen.

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