1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Der jüdische Friedhof in Wittlich ist der größte im Kreis

Serie : Worte für die Ewigkeit – Der jüdische Friedhof in Wittlich ist der größte im Kreis

Der jüdische Friedhof in Wittlich ist mit 3820 Quadratmetern und 162 erhaltenen Grabsteinen der größte im Kreis. Einige Grabsteine haben interessante Inschriften, die auf das Leben der Menschen hinweisen.

(chb) Wie auf vielen jüdischen Friedhöfen ist es auch auf dem Wittlicher zuerst die Stille, die den Besuchern auffällt. Außerhalb der Stadt gelegen, wie es im jüdischen Glauben Brauch ist, weil man die Wohnung der Lebenden von der Wohnung der Toten trennen soll, findet man ihn am Stäreberg im sogenannten Judenbüsch.

Auf der rechten Seite des Geländes stehen nur wenige Grabsteine, darunter die beiden ältesten. Sie sind aus dem Jahr 1672. Heute kann man kaum noch lesen, was auf ihnen geschrieben ist, weil sie mit Moos überwachsen oder die Schrift auf den Sandsteinen verwittert ist.

Professor Reinhold Bohlen, der sich intensiv mit dem Friedhof beschäftigt und darüber geforscht hat, veröffentlichte dazu im Jahrbuch des Kreises 1985 einen Text, 1993 ein Buch mit Maria Wein-Mehs, das vergriffen, aber in der Stadtbücherei noch ausleihbar ist, und eine Schrift für das Emil- Frank-Institut. Darin hat er unter anderem alle Grabinschriften aus dem Hebräischen übersetzt.

Zur Ehefrau eines Doppelgrabs steht auf einem Stein: „Hier ruht eine Frau, angesehen und fromm, die teure Frau Gnendle Tochter des David…“. Die Gräber wurden in der Reihenfolge ihres Todestages angelegt. Das letzte Doppelgrab wurde 1940 und 1941 für Emma Mendel und Berta Sänger angelegt. Die letzte Beisetzung war im Juli 1941 die von Berta Hess-Grünbaum, die zu ihrem Mann, der 1930 gestorben ist, kam.

Einige Grabsteine sind einfach gehalten, es gibt aber auch sehr viele, die mit Rosetten, Blüten oder Kronen filigran gestaltet sind. Man findet zudem Symbole wie die gespreizten Hände, für Menschen, die Segen spenden durften oder Steine in Form von abgebrochenen Säulen, die zeigen, dass hier ein junger Mensch gestorben ist. Einige Familiengrabstätten wie die der Familie Ermann-Bach, die einen Kolonialwarengroßhandel hatten, oder die des Zigarrenfabrikanten Hess sind groß und prächtig. Auf dem Grabstein von Emmy Ermann steht der Zusatz: „Zur Erinnerung an meinen geliebten Bruder Willy Ermann und seine Tochter Lotte. Sie wurden ein Opfer der Nazi-Verfolgung. Die unbekannte Erde möge ihnen ewigen Frieden und Ruhe geben“. Kinder wurden oft im Grab der Großeltern beigesetzt. Allerdings gibt es auf dem Wittlicher Friedhof ein einzelnes Kindergrab am Rand des Friedhofs. Werner Bühler, der für das Emil-Frank-Institut zweimal jährlich Führungen über den Friedhof anbietet, erklärt, dass dieses Kind vermutlich deshalb ein eigenes Grab bekam, weil die Familie aus Speicher kam und in Wittlich wohl noch keine Grabstätte hatte.

Ein ausführlicher Nachruf ist in den Grabstein von Israel Frank, Rabbiner und Großvater von Emil Frank, eingemeißelt, was ungewöhnlich ist. Darin heißt es unter anderem, dass er dem Frieden eine große Bedeutung zugeschrieben und den Armen seine Arme ausgebreitet habe. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es bereits Überlegungen, einen weiteren jüdischen Friedhof anzulegen. Grundstücke auf dem Rollkopf und neben dem Friedhof Burgstraße waren im Gespräch. Der jüdische Friedhof in Wittlich wurde mehrfach geschändet. Am 2. Juni 1987 haben junge Erwachsene dort 111 von 162 Grabsteinen umgeworfen und teilweise zerstört. Die Schäden wurden, soweit möglich, behoben. An einigen Grabsteinen sieht man noch, wo sie gebrochen waren.

Eine Gedenktafel in der Synagoge erinnert an 89 Wittlicher Juden, die in Konzentrationslagern umgekommen sind, dazu gibt es eine Gedenkschrift von Marianne Bühler, in der die Schicksale festgehalten sind. Seit 30 Jahren führt der Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde Wittlich“ am 9. November eine Mahnwache auf dem Marktplatz durch. Zudem werden Kontakte zu Angehörigen Wittlicher Juden in aller Welt gepflegt, und es gibt eine Internetseite, www.ak-juedische-gemeinde-wittlich.de, die Informationen und Hintergründe zur ehemaligen jüdischen Gemeinde Wittlich beinhaltet.