Der Kunde als König
Bernkastel-Wittlich · Immer mehr Innenstädte verwaisen, weil Geschäfte schließen. Läden stehen leer. Die Kunden wandern ab. Dennoch gibt es traditionsreiche, mittelständische Betriebe, die seit Generationen Bestand haben und immer wieder Existenzgründer, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.
Bernkastel-Wittlich. Was treibt die Unternehmer heute an? Was machen sie anders als früher, und wie schätzen Sie ihre Perspektiven ein?
Jürgen Bungert (69) aus Wittlich. Seit drei Generationen ist "der Bungert", wie er im Volksmund genannt wird, ein inhaberbetriebenes Unternehmen. 280 Angestellte sind heute auf über 10 000 Quadratmetern für die Kunden da. "Es ist sicherlich eine Ausnahme, dass wir uns so lange halten können, ohne uns dabei einer großen Kette angeschlossen zu haben", sagt Jürgen Bungert. Was in den 50er Jahren als Lebensmittelgeschäft angefangen habe, sei heute ein Shop-in-Shop-System, bei dem jeder quasi mit einem Besuch ein vielfältiges Angebot an Waren hat: Von beispielsweise Nahrung über Kleidung bis hin zu frischen Backartikeln oder Blumen. "Alleinstellungsmerkmale, die sind wichtig. Im Bungert gibt es beispielsweise über 1000 Zeitungs- und Zeitschriftentitel", sagt der Unternehmer. "Wir bieten höchste Qualität und kaufen beispielsweise die frischen Waren wie an der Fleischtheke vor Ort." Überhaupt: "Regionalität und Bio, das sind wichtige Werte für die Kunden."
Was macht den Erfolg aus? "Wir sind nah am Kunden, hören, was ihm gefällt und nehmen Kritik ernst." Es ist keine Seltenheit, dass der Seniorchef durch den Laden geht und mit den Käufern ins Gespräch kommt. "Wir nehmen alles ernst!" Wie sieht er die Perspektiven? "Wir müssen unsere Individualität bewahren und sowohl den Wünschen der Kunden nachgehen als auch auf ihre Soziologie. Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, wird es schwer haben."
Marita Seifermann (60) aus Piesport. Sie wollte es noch einmal wissen und öffnete im vergangenen Jahr die Eisdiele "La Gelateria" in Piesport. Warum in dem Alter das Wagnis? "Mitten im Ort stand das Ladengeschäft leer und ich habe immer überlegt, was ich noch machen könnte. Nur zu Hause sitzen, nein, dafür bin ich nicht", berichtet sie. Durch die Tochter aus Koblenz kam die Idee: "Ich mache einen Eisladen mit italienischem Eis auf, denn meine Tochter hat auch einen." Also ging es zur Eismesse nach Italien, und aus der Idee wurde Realität. Das Gebäude gehört der Familie Seifermann. 85 Quadratmeter Verkaufsgeschäft und insgesamt 68 Sitzplätze mit einem Balkon dazu sind entstanden. "Wir haben alles umgestaltet, ein eigenes Eislabor, wo wir so Renner wie Raffaelo oder Mango herstellen." Der erste Sommer sei trotz schlechten Wetters gut gelaufen: "Ich habe abwechselnd bis zu zehn Aushilfen gehabt." Selbstverständlich steht sie selbst bis in den späten Abend hinter dem Tresen und verkauft die bis zu 22 Sorten Eis.Handel im Wandel
Wie sie ihre Perspektive sieht? "Da wir quasi einen Eis-Lückenschluss hier zwischen Bernkastel, Wittlich und Trier gemacht haben, bin ich zuversichtlich, dass die kommende Saison gut wird." Zudem wolle sie mit Spezialitäten wie dem Mosel-Schwan- oder Mosel-Becher auch Touristen weiter zum Schlecken der kühlen Köstlichkeiten bewegen. "Qualität und Freundlichkeit gehören dazu, ebenso wie ein ansprechendes Ambiente im Geschäft."
Viktor Hees (55) aus Bernkastel-Kues. Seit 1886 ist das Modegeschäft in Familienhand. 35 Angestellte sind in vier Häusern heute tätig. Die Kaufgewohnheiten auf dem Modemarkt haben sich verändert: "Heute hat der Kunde eine hohe Mobilität, die führt ihn nicht unbedingt weg in die größeren Städte, aber immer mehr ist er mittlerweile im Internet mobil unterwegs." Je jünger die Käufer, desto internetaffiner seien sie. Hees reagiert darauf: "Hier muss die Kommunikation gestärkt und beispielsweise über Facebook auf sich aufmerksam gemacht werden." Der ältere Kunde und Touristen kommen immer gerne wieder. "Bei uns sind die Kunden Gast, und sie sollen sich bei uns wohl fühlen." Gestresste Männer, das sei lange kein Thema mehr: "In unserer Lounge können die Herren Zeitschriften lesen, einen Kaffee trinken und sich entspannen."
Was macht den Erfolg aus? "Es geht nichts über eine persönliche Betreuung. Wir beraten, haben hochwertige und aktuelle Mode." Wie sieht Hees die Zukunft in Zeiten von Internetkäufen? Lachend berichtet er: "Es kommt schon vor, dass jemand ins Geschäft kommt, sich etwas aussucht, das Händleretikett scannt oder abmacht und meint, er bekomme das im Internet günstiger. Aktuelle Ware jedoch, die gibt es anderweitig auch nicht für weniger Geld." Hees weiter: "Wir müssen weiter ein offenes Ohr für die Wünsche der Käufer haben. Zuverlässigkeit und eine gute Beratung sind wichtige Säulen."
Tobias Jürgen (25) aus Hetzerath. "Ich wollte gern mehr Spielraum im Arbeitsleben haben und mehr als nur angestellt sein", berichtet der Jungunternehmer. Aus der eigenen Tasche hat der Elektroniker für Energie und Gebäudetechnik sich vor gut einem halben Jahr mit seiner Firma eService selbstständig gemacht. Die Gespräche mit den Banken ziehen sich, trotzdem ließ sich Jürgen davon nicht abhalten, seinen Wunsch, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen, zu realisieren. Vier Angestellte hat er und bietet als Elektrobetrieb alles rund um elektrische Sachen ebenso an wie Sicherheitstechnik. Wie sieht er seine Perspektive und wie kann er konkurrenzfähig bleiben? "Zuverlässigkeit und eine gute Arbeit zu hinterlassen, das ist das Wichtigste. Die Kunden müssen uns als kompetenten Ansprechpartner vor Ort sehen." Die persönliche Beratung und das Wissen, das der eService beim Problem einen nicht allein lässt, das sehe er als besondere Stärke an. Als Spezialist für Sicherheitstechnik habe er zudem ein Marktsegment, das immer häufiger benötigt werde. "Ein sicheres Haus muss kein Vermögen kosten. Hier ist eine kompetente Beratung und eine schnelle Installation eines Fachmannes wichtig."
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