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Der Rat kommt gehörig ins Schwitzen

Der Rat kommt gehörig ins Schwitzen

Vor 400 Jahren wurde der Bau des Rathauses der Stadt Bernkastel-Kues fertiggestellt. Seither hat sich viel getan. Nicht nur die Kleidung hat sich geändert, auch die Aufgaben sind heute andere geworden.

 Gerhard Lenssen blickt auf die lange Historie des Rathauses der Stadt Bernkastel-Kues zurück. TV-Foto: Winfried Simon
Gerhard Lenssen blickt auf die lange Historie des Rathauses der Stadt Bernkastel-Kues zurück. TV-Foto: Winfried Simon

Bernkastel-Kues. Bürgermeister, Beigeordnete und Ratsmitglieder der Stadt Bernkastel-Kues müssen ab und an auch einmal richtig leiden. Die historische Ratssitzung zur 400-Jahr-Feier des Rathauses stellt in diesem Zusammenhang eine neue Dimension dar. "Das ist die erste Ratssitzung, bei der wir so richtig ins Schwitzen kommen", sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port noch bevor das Geschehen auf dem Marktplatz vor dem Rathaus so richtig begonnen hat. Das liegt aber beileibe nicht am Arbeitspensum, sondern an der schwülen Witterung. Nicht wenige Ratsmitglieder, die in dicken der damaligen Zeit nachempfundenen Gewändern (einschließlich Kopfbedeckung) auf der Bühne am Marktplatz sitzen, kommen sich wie eine wandelnde Sauna vor.Das ehemalige Ratsmitglied Gerhard Lenssen hat sich mit der 400 Jahre währenden Rathaus-Geschichte befasst. Sein Festvortrag wirft ein interessantes Bild auf die verschiedenen Zeiten. So zeigt sein Blick auf das Dreiklassen-Wahlrecht, dass beispielsweise 1840 von demokratischen Verhältnissen keine Rede sein konnte. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte es zu den Aufgaben des Rates, das Kinoprogramm zu prüfen. Welche Strafen Tunichtgute erwartete, die sich der Sauferei und Wolllust hingaben und vor dem Eigentum anderer Menschen nicht zurückschreckten, wird wenige Minuten später deutlich. In einem Käfig wird ein solcher Bösewicht herangekarrt. Der Versuch, ihn an die Handeschellen am Rathaus-Pranger zu fesseln, schlägt aber fehl, weil seine kräftigen Handgelenke nicht in die Eisen passen. "Dann bringt ihn auf die Burg. Drei Tage bei Wasser und Brot", befiehlt der Bürgermeister den Wächtern. Stilecht, in der Pferdekutsche, hält die Oberbürgermeisterin aus der tschechischen Partnerstadt Karlsbad Einzug auf dem Marktplatz. Auch Veronika Vlkova trägt ein Gewand der damaligen Zeit. Das Goldene Buch, in dem sie sich anschließend verewigt, hat dagegen neuzeitlichen Charakter. Und dann wird es doch noch ernst auf der Bühne. "Das ist auch ein guter Tag für die aktuelle Politik", sagt der Stadtbürgermeister. Auch wenn nicht alle Ratsmitglieder darüber froh sind, diskutiert der Rat über das Landesentwicklungsprogramm (LEP IV), das eine verpflichtende Zusammenarbeit der beiden Städte Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach vorsieht. Mit teils harschen Worten werden die Vorgaben der Landesregierung kritisiert. Einige der Redner tun dies mit Anklängen an die Historie der Stadt beziehungsweise mit Anleihen an die Sprache vergangener Zeiten. Auch die SPD-Fraktion lehnt die von der Landespartei angeordnete Kooperationsverpflichtung zwischen den beiden Städten ab. Mit einer einstimmig gefassten Resolution lehnt der Stadtrat diese Kooperationsverpflichtung ab (einen ausführlichen Bericht über diese Diskussion lesen Sie in der Dienstagsausgabe). Meinung Fest mit Schönheitsfehler In Bernkastel-Kues werden die Jubiläen gefeiert, wie sie fallen. 2005 war es die Erinnerung an die Vereinigung der beiden Gemeinden zur Stadt Bernkastel-Kues im Jahr 1905. Auch damals tagte der Stadtrat, historisch gewandet, auf dem Marktplatz der Stadt. Drei Jahre später geht der Blick sogar 400 Jahre zurück. Und die Stadt zeigt, was für eine Bedeutung sie damals hatte und welche Anziehungskraft immer noch von ihr ausgeht. Gerade bei solchen Gelegenheiten, die auch einen Blick in die Geschichtsbücher beinhalten, erfährt man, wie gut es den Menschen im 21. Jahrhundert geht. Einen Schönheitsfehler hatte die historische Sitzung dennoch. Die Diskussion um das hoch brisante Landesentwicklungsprogramm (LEP IV) gehörte nicht hierher. Das mutete wie inszeniertes Schauspiel an. Dieser Rahmen passte nicht zu dem ersten Thema. Hoffentlich wird das kein Eigentor. c.beckmann@volksfreund.de