Der rote Teppich kommt aus Eisenschmitt

EISENSCHMITT. Wenn sich der amerikanische Präsident kurzfristig anmeldet oder der Papst zu Besuch kommt, ist die Firma August Schär gefragt. Kokos, Sisal und Jute werden in der Kokosweberei in Eisenschmitt zu roten Teppichen und Fußmatten verarbeitet.

 Von Sri Lanka nach Eisenschmitt: Die Rohstoffe für Georg Fritzsches Kokosweberei kommen aus Asien. In der Eifel laufen sie dann über Hunderte von Garnspulen zum mechanischen Webstuhl aus den 60er Jahren.Foto: Erich Gerten

Von Sri Lanka nach Eisenschmitt: Die Rohstoffe für Georg Fritzsches Kokosweberei kommen aus Asien. In der Eifel laufen sie dann über Hunderte von Garnspulen zum mechanischen Webstuhl aus den 60er Jahren.Foto: Erich Gerten

"Mister President wird morgen auf der Air Base Spangdahlem eintreffen." Dieser Anruf im Mai '99, als Bill Clinton seine Truppen auf dem nahen amerikanischen Militärflugplatz besuchte, löste in der August Schär KG rege Betriebsamkeit aus. Die Amerikaner hatten einen roten Teppich zum Empfang des damaligen US-Präsidenten geordert. Georg Fritzsche, Inhaber der Firma, ließ einen solchen über Nacht herstellen und erfreut sich seither in seinem Büro an dem Foto von Bill Clinton, der über den Teppich schreitet. Unabhängig von den jeweiligen politischen Konstellationen lebt der 49-jährige Fabrikant seit vielen Jahrzehnten auch von staatlichen Aufträgen. Und gerade diese Bestellungen sind es, durch die seine mechanische Kokosweberei ihre Leistungsfähigkeit beweisen kann. Rohstoff kommt aus Indien und Sri Lanka

Sein größter Kunde sei jedoch der Papst, scherzt Fritzsche und meint es dennoch ernst. Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat seine Läufer oft kennen gelernt, wenn auch nicht bewusst. Fritzsches Betrieb ist keine Weltfirma, aber er bedient viele Staaten in Europa und in Übersee mit Erzeugnissen aus Kokos, Sisal und Jute. Und obwohl sein Familienunternehmen im kleinen Eifeldorf Eisenschmitt (Verbandsgemeinde Manderscheid) weder mit innovativer Technik noch mit zukunftsweisenden Produkten aufwarten kann, hat er es auf der Fachmesse Domotex 2003 in Hannover zusammen mit einer holländischen Konfektionsfirma zu einem 90 Quadratmeter großen Ausstellungsstand gebracht. Dabei sind die Hallen von Fritsches Fabrik im 430-Einwohner-Dorf an der Salm seit fast einem halben Jahrhundert nicht mehr modernisiert worden. Er und seine 20 Angestellten arbeiten an mechanischen Produktionsanlagen, die deutschlandweit in dieser Form nicht mehr anzutreffen sind. Es ist kurios, die immer wieder verschobene oder nicht gewollte Modernisierung bringt Fritsches Firma nun Top-Aktualität. In einer Zeit, in der Kunden auf umweltschonende Produktionsverfahren und Naturprodukte Wert legen, liegt der Unternehmer mit seinen alten Maschinen voll im Trend. Sisal bezieht Fritsche überwiegend aus Brasilien und Mexiko, Kokos in naturbelassener Form aus Indien und Sri Lanka. Mindestens acht Wochen dauert der See-Transport, der Kokosballen bis in die Eifel. Die Weiterverarbeitung in Eisenschmitt beginnt mit dem Einfärben und endet beim Zuschneiden in der betriebseigenen Näherei. Gefärbt wird in allen möglichen Farben, jedoch legt Fritzsche auf eines Wert: "Wir färben sauber, ohne Gift. Nach dem Trocknen werden die Kokosfäden aufgespult und manuell in die Webstühle eingefädelt, eine mühselige und zeitintensive Tätigkeit. Die großen Webstühle, die mächtig rattern in den Hallen der Kokosweberei, dürfen nicht unbeaufsichtigt laufen. Häufig reißt ein Faden. Das wiederum bedeutet Maschine Stopp und Anflechten von Hand. Es rattert von Neuem, Tag für Tag, Woche für Woche. Und das schon seit mehr als 70 Jahren. 1929 gründete Fritzsches Großvater August Schär in Bochum die Kokosweberei. Angelockt durch finanzielle Anreize der damaligen Rhein-Provinz verlagerte er 1938 Firmensitz und Fabrikationsstätten nach Eisenschmitt. Fritzsche führt den Familienbetrieb nun in der dritten Generation. Zum Sortiment gehören Tür- und Fußmatten, Fußabstreifer aller Art, Teppiche, Läufer und Auslegeware. Kokos sorgt für gutes Raumklima

Die fertigen Produkte werden in erster Linie über Handelsvertreter, Facheinzel- und Großhandel vertrieben, aber auch an Märkte und Warenhäuser geliefert. So mancher Bürger streift seine Schuhe an Fußmatten aus Eisenschmitt ab. Fritsches Produkte sind mittlerweile auch wieder begehrt wegen der langen Haltbarkeit, der Strapazierfähigkeit des Materials und der Unempfindlichkeit gegenüber Nässe. Kokos sorgt für ein gutes Raumklima: Bei hoher Luftfeuchtigkeit nehmen die Fasern einen Teil der Feuchtigkeit auf, bei niedriger Luftfeuchtigkeit geben sie sie wieder ab. Sisal-Bodenbeläge sind ebenfalls pflegeleicht. Zudem sind sie antibakteriell, schwer entflammbar, sehr geräusch- und wärmeisolierend, atmungsfördernd und - wie alle Naturfasern - antistatisch. Der frühere "Arme-Leute-Teppich" kommt so zum Beispiel in Messehallen zu neuen Ehren. "Wir bringen Naturfasern in Form" - mit diesem Spruch wirbt Georg Fritzsche für die Produkte seiner Kokosweberei in Eisenschmitt. Veraltete Technik, veraltete Produktionsanlagen, aber gewinnbringende Erzeugnisse, schonend für Mensch und Umwelt verlassen täglich das kleine Dorf an der Salm und treten ihre Reise in viele Länder der Welt an.