Der Urwald von morgen
Der Hunsrück ist für "Natur pur" bekannt. Auf 56,2 Hektar Staatsforst im Revier Hoxel ist das übrigens ganz wörtlich zu nehmen. Denn der "Jungenwald" nahe des Dorfes Haag ist ein Naturwaldreservat.
Haag/Hoxel. "Die Bevölkerung ist nicht ganz glücklich damit", weiß Revierförster Bernhard Haus. Die Menschen in Haag möchten gern Holz aus dem nahe gelegenen Wald, der zum Revier Hoxel gehört, für ihre Kamine und Öfen nutzen. Doch das geht schon seit einigen Jahren nicht mehr. 1995 fiel die Entscheidung, aus dem "Jungenwald" ein Naturwaldreservat zu machen.Was bedeutet der Begriff genau? "Wir nehmen diese Fläche komplett aus der Bewirtschaftung heraus", schildert Patricia Balcar von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz in Trippstadt (Pfälzerwald - keine Pflegemaßnahmen mehr, keine Holzentnahmen und keine anderen Eingriffe. Mit einer Ausnahme: Das Gebiet wird bejagt, um das Wild zu regulieren. Andernfalls würde es dort nach Angaben von Balcar quasi einen "gedeckten Tisch vorfinden". Eine völlig atypische Situation entstünde. Eine kleine Fläche - etwa ein Hektar -wird komplett von einem Zaun geschützt. Dort bleibt der Wald komplett sich selbst überlassen. Allerdings findet dort auch kein Wildverbiss statt.Mit Hilfe von Naturwaldreservaten wollen die Forstfachleute herausfinden, wie sich der Wald ohne menschliche Einflüsse entwickelt. "Bäume benötigen beispielsweise Raum. Aber was passiert, wenn die Forstarbeiter diesen Raum nicht schaffen?", fragt Balcar. Es sollen auch konkrete Erkenntnisse gewonnen werden, etwa wie man das Erntealter von Bäumen erhöhen kann. Naturreservate wie dieses werden mittlerweile europaweit angelegt. Die Flächen sind 20, 50 oder auch 100 Hektar groß. Wichtig ist, dass parallel zum Reservat eine Vergleichsfläche mit ähnlicher Lage, Fauna und Flora ausgewählt wird, die weiter bewirtschaftet wird. Denn nur dann kann man wirklich den Einfluss von menschlichen Eingriffen abschätzen. Vergleichsfläche ist noch nicht gefunden
Doch da liegt momentan ein Problem, wie Hans Jürgen Wagner, Leiter des Forstamts in Dhronecken, bei einem Treffen mit Fachleuten seiner Behörde, der Forschungsanstalt und privaten Forstsachverständigen vor Ort betont. Der Knackpunkt ist die Größe. In Frage kommende Standorte wurden unter den Experten diskutiert. Ausgesucht wurde der "Jungenwald" übrigens nicht wegen irgendwelcher Besonderheiten. Gefragt sind eher typische Standorte. Hauptsächlich finden sich in der Kernzone Traubeneichen (87 Prozent) Hainbuchen (sieben Prozent) und Buchen (fünf Prozent). Christoph Weitkemper, Mitarbeiter des privaten Forsteinrichters Klaus Remmy, kennt mittlerweile jeden Baum, zumindest auf der Kernfläche von etwa zwei Hektar.Denn inzwischen hat er den "Urwald von morgen" genau unter die Lupe genommen. Weitkemper hat die Waldbewohner mit einer Nummer markiert, mit einer Art Zentimetermaß den Umfang gemessen und weitere Parameter wie Höhe und Ausmaß der Krone festgehalten. Und das wird alle zehn Jahre wiederholt. Ob 2017 schon mit ersten Ergebnissen zu rechnen sein wird? Im Leben eines Waldes ist eine Dekade schließlich nur ein Wimpernschlag. Naturwaldreservat Naturwaldreservate sind ausgewählte Waldflächen, die ihrer natürlichen Entwicklung überlassen bleiben und sich zu "Urwäldern von morgen" entwickeln. Die ersten bekannten Reservate wurden Mitte des 19. Jahrhunderts in Böhmen und Frankreich eingerichtet, ursprünglich um besonders alte und urtümliche Waldbestände zu schützen und besonders lange zu erhalten. Die Reservate sind durch das rheinland-pfälzische Landeswaldgesetz geschützt. Allein in diesem Bundesland gibt es 60 Naturwaldreservatflächen mit mehr als 2000 Hektar - vorwiegend im Staatswald. (iro)