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Der Wolf ist zurück im Hunsrück - So reagieren die Menschen auf die Nachricht

Gefährlich oder nicht : Heulen bald wieder Wölfe im Hunsrück? - So reagieren die Menschen auf das erste Exemplar seit 140 Jahren

Zwischen Faszination und Furcht: Die Tiere stehen unter Schutz und dürfen nicht gejagt werden. Die Reaktionen auf den ersten nachgewiesenen Wolf im Hunsrück seit mehr als 140 Jahren sind ganz unterschiedlich.

Im Hunsrück ist ein Wolf aufgetaucht – nachweislich. Ein Tier hat in Kastellaun ein Schaf gerissen. Und eine genetische Untersuchung ergab, dass dort ein Wolf am Werk war (der Volksfreund berichtete). Was für viele Menschen eine große Überraschung war, hat Leute vom Fach nicht verwundert.

Für Dr. Harald Egidi vom Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist der Nachweis in freier Wildbahn ein „nicht unerwartetes Ereignis“. Denn die Wiederausbreitung des Wolfes sei ein „seit vielen Jahren laufender Prozess“. Der Nationalpark werde diesen Prozess offen begleiten. Im Nationalparkgebiet seien die Raubtiere trotz einem engmaschigen Netz von Fotofallen noch nicht gesichtet worden. Verdachtsfälle hätten nicht bestätigt werden können. Geht denn von Wölfen für Menschen eine Gefahr aus? Darauf antwortet der Leiter des Nationalparkamtes indirekt: „Wölfe meiden in der Regel den direkten Kontakt zum Menschen. Begegnungen zwischen Mensch und Wolf sind daher äußerst selten, aber nicht unmöglich. In der Regel ziehen sich Wölfe zurück, wenn sie einen Menschen bemerken, können aber durchaus neugierig sein und den Menschen vor dem Rückzug erst einmal genauer mustern.“

„Der Wolf kommt. Das ist Fakt. Wenn er nicht schon da ist“, das ist die Überzeugung von Tobias Alt, Schäfer in Morbach-Wederath. Er betreibt eine Wanderschäferei mit 500 Mutterschafen und ist von Ende Oktober bis Anfang Mai mit seinen Tieren im Hunsrück unterwegs. Sein Gebiet reicht vom Wohnsitz Wederath bis zum Truppenübungsplatz in Baumholder. Die Tiere seien immer draußen. Lediglich neugeborene oder kranke Exemplare kommen in den Stall. Was auf ihn und seine Kollegen im Hunsrück zukommt, glaubt er zu wissen: Da müsse man nur nach Norddeutschland schauen. „Dort sind schafhaltende Betriebe dem Wolf nicht mehr gewachsen. Sie haben massive Probleme.“ Ähnliches gelte für Ammenkuhhalter. Es gebe Wölfe, die nach seiner Kenntnis nicht nur Kälber, sondern auch ausgewachsene Rinder reißen würden. Und wenn ein Wolf mal in der Herde gewesen sei, dann komme er immer wieder.

Alt schützt seine Tiere nachts mit einem 90 Zentimeter hohen Elektrozaun. Der gilt in Rheinland-Pfalz als wolfsicher. Alt: „So sagt man.“ Allerdings könne sein Hund aus dem Stand auch eine zwei Meter hohe Hürde überwinden. „Warum soll ein Wolf das nicht auch können?“ Wölfe im Hunsrück seien für ihn und seine Kollegen „durchaus existenzbedrohend“. Natürlich könne man weitere Maßnahmen ergreifen. Aber festinstallierte Zäune, die in den Boden eingegraben sind, das könne man auf Wanderschaft nicht leisten. Zwar könne man für gerissene Tiere eine Entschädigung bekommen. Dann aber müsse nachgewiesen sein, dass tatsächlich ein Wolf zugeschlagen habe. Tatsächlich bekommt der Tierhalter auch nur die unmittelbaren Schäden ersetzt. Gebe es, verursacht durch das Raubtier, später Totgeburten, bleibe der Schäfer auf seinen Kosten sitzen.

Vielleicht ist der Wolf ja näher, als viele denken. Denn im April dieses Jahres soll ein Wolf bei Gornhausen ein Tier gerissen haben. Stefan Wagner, Ortsbürgermeister von Gornhausen, kennt den Vorfall. Ein Privatmann im Ort halte Schafe am Waldrand. Und dort sei eines gerissen worden.

Allerdings weist Wagner daraufhin, dass es nicht bestätigt ist, dass da tatsächlich ein Wolf im Spiel gewesen sei. Inzwischen sei an der Stelle eine Wildkamera installiert. Für Wagner ist das Thema trotz dieses Vorfalls noch relativ weit weg, auch wenn es immer wieder Gerüchte gebe, das jemand einen Wolf gesehen habe.

Anders sei das natürlich, wenn tatsächlich ein Tier Schafe reiße oder gar ein Kind angreife, „dann sei das Geschrei groß“.

Eine klare Position hat Arthur Baumgart, Landwirt in Morbach: „Der Wolf ist hier nicht erwünscht, aber die Politik will es so.“ Persönlich glaubt er, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch rund um Morbach oder Thalfang Wölfe zu sehen sein werden.

Für Dr. Günter Faupel, Augenarzt in Morbach und Jäger, ist das Thema Wölfe ein spezielles: „Die Spannbreite reicht vom Märchen bis zur Realität“, sagt er. Er habe noch nie einen getroffen, und er habe auch keine Angst vor den Tieren. „Denn Menschen gehören nicht zu ihren Beutetieren“, erklärt Faupel weiter.

Der Nahrungsbedarf der Tiere sei unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um einen Einzelgänger oder ein Rudel handele. Und auch da komme es auf die Größe an. Eine Faustregel sei „ein Riss pro Rudel und Tag“. Das in Kastellaun nachgewiesene Tier sei wohl nur „auf dem Durchzug“.

Gerade Rüden durchstreifen laut Faupel Riesengebiete. 50 Kilometer am Tag können das schon mal sein. Ob der Hunsrück als Lebensraum für Wölfe geeignet ist? Immerhin ist der letzte Wolf vor 141 Jahren bei Deuselbach geschossen worden. Heute steht der Wolf unter Artenschutz. Er darf nicht gejagt werden (siehe Info). Nicht vergessen dürfe man, dass die Kulturlandschaft nicht nur im Hunsrück in den vergangenen hundert Jahren erheblich verändert habe, zum Beispiel, was das Straßennetz oder die Landwirtschaft angeht. Viele Wölfe würden überfahren. Dass Wölfe Menschen angreifen, hält Faupel für extrem unwahrscheinlich. Hunde seien dagegen eine beliebte Beute.

Wölfe im Hunsrück gibt es im Übrigen bereits seit fünf Jahren – hinter Gittern. Das Wildfreigehege an der Wildenburg bei Kempfeld, einem künftigen Nationalparktor, wird jährlich von rund 40 000 Menschen besucht, Tendenz steigend. In den vergangenen fünf Jahren ist die Einrichtung wesentlich attraktiver geworden – nicht zuletzt durch das Wolfgehege, das parallel zur Eröffnung des Nationalparks vor fünf Jahren unter großem Medienrummel eingerichtet wurde. Es handelt sich laut Nationalpark-Chef Egidi um ein weitläufiges „Schaugehege, mit dem Ziel, Umweltbildung zu betreiben und Tiere erlebbar machen, die in freier Wildbahn kaum sichtbar sind“. Und wer tatsächlich mal einen lebenden Wolf im Hunsrück sehen will, der kann dies am Fuße der Wildenburg tun.

Und wie reagieren die Besucher im Wildfreigehege in Kempfeld auf das Thema Wölfe? Tierpfleger Florian Koch sagt: „Sehr emotional.“ Für viele üben die Tiere eine besondere Faszination aus. Aber nicht auf alle. Vor allem Kinder interessierten sich meist weit mehr für Ziegen und Schafe, die sie selbst füttern dürfen.

Und wie gefährlich sind diese Tiere, wenn kein Zaun zwischen ihnen und den Besuchern wäre? „Ein gesunder Wolf hat von sich aus keinen Grund dazu, einem Menschen Schaden zuzufügen, auch wenn er dies rein körperlich durchaus könnte.“ Man sollte „Respekt, aber keine Angst“ vor den Tieren haben. Auch Begegnungen mit Wildschweinen könnten schließlich böse enden.