Der Zeitzeuge aus dem Schrank

Ein Kleiderbügel ist für Lothar Koenen ein Erinnerungsstück an seine Kindheit in Wittlich, in der er mit seiner Familie bei den jüdischen Geschäftsleuten der Stadt eingekauft hat. Gegenwärtig ist ihm dabei ein besonderer Besuch, der ihn lange beschäftigte.

Wittlich. Kleiderbügel hat man viele in den Schränken. Einige sind Massenware aus Plastik. Es gibt hochwertige aus teurem Holz, andere sind liebevoll mit Wolle umwickelt oder mit Entchen verziert aus Kindertagen, von denen man sich einfach nicht trennen kann. Bei Lothar Koenen hängt seit vielen Jahrzehnten einer im Schrank, mit dem er besondere Erinnerungen verbindet. Er hat die Aufschrift "Manufakturwaren J. Frank, Wittlich Herren- und Damenkonfektion" und ist aus dem Hause Frank, einer Familie angesehener jüdischer Geschäftsleute. Emil Frank übernahm das Geschäft, dass schon von seinem Großvater Israel und seinem Vater Isaak geführt worden ist.
Lothar Koenen, der aus einem Bauernbetrieb in Belingen stammt, wird durch den Bügel an seine Kindheit in den 1930er Jahren erinnert, und an die jüdischen Menschen, die er und seine Mutter kannten. Oft sei er mit seiner Mutter Margarethe zu Fuß nach Wittlich gegangen. In der oberen Burgstraße habe sie dann an ein Fenster geklopft, dass daraufhin geöffnet wurde. Die Mutter habe stets ein Päckchen, das sie zuhause mit Lebensmitteln gepackt hat, durch das Fenster gereicht und sich noch mit den Menschen, die dort gelebt haben, unterhalten. "Aber einmal war es ein kurzer Aufenthalt, denn die Leute waren sehr nervös und meine Mutter ist mit mir schnell wieder nach Hause geeilt." Weiter erzählt er: "In Erinnerung geblieben ist mir ein Gesprächsfetzen, der mich bis heute beschäftigt. `Jetzt haben sie das Duplonschi aus dem Fenster geworfen`, hieß es. Bis heute weiß ich darüber nichts Näheres." René Richtscheid vom Emil Frank Institut in Wittlich meint dazu: "Mit Duplonschi dürfte ein Mitglied der weitverzweigten Wittlicher jüdischen Familie Dublons gemeint sein. Wenn er weiß, wo der Ausspruch getätigt wurde, lässt sich vielleicht ermitteln, welche Dublons in der dortigen Nachbarschaft gewohnt haben."
Auch mit der Familie Frank hatte die Familie Schmitz eine gute Bekanntschaft. Sogar zur Hochzeit seiner Eltern, hat die Familie Frank eine große Karte geschickt. Bewusst erinnert hat sich Lothar Koenen an den Kleiderbügel aus dem Hause Frank, als er über ein ähnliches Stück im TV gelesen hat. Im Haus von Ehrenbürger Willi Schrot war eines aufgetaucht. "Der Kleiderbügel war von den Juden hier in Wittlich, wo ich oft mit einkaufen war. Den konnte ich nicht wegwerfen", sagt Koenen mit Nachdruck.
René Richtscheid vermutet, dass es noch weitere solcher Kleiderbügel gibt. In der Ausstellung der Synagoge, die demnächst umgestaltet wird, sei beispielsweise einer zu sehen.
Emil Frank war vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein angesehener Geschäftsmann in der Kreisstadt und Vorsitzender der Synagogengemeinschaft. Er hat die Stadt am 21. September 1941 verlassen müssen und floh in die USA, wo er 1954 verstarb. Bis heute hat das Emil Frank-Institut Kontakt zu Dr. Michael Cahn, dem Enkel von Emil Frank, der 2012 das erste Mal in Wittlich war. chb