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Deutsch-französisches Modellprojekt zur Weihnachtszeit: Verschwundene Geschäfte als Miniaturen zu sehen

Deutsch-französisches Modellprojekt zur Weihnachtszeit: Verschwundene Geschäfte als Miniaturen zu sehen

Kleine, spezialisierte Geschäfte, in denen es Hüte, Tabak, Wild gibt. Chef oder Chefin persönlich beraten und bedienen. Das hat einst Wittlichs Innenstadt unverwechselbar gemacht. Viele der kleinen Läden sind verschwunden. Zur Weihnachtszeit wird in Form von Miniaturen des Ehepaars Brand-Picardan sie erinnert.

Wer in Wittlich unterwegs ist, kennt Karin und Jean-Jacques Brand-Picard. Die beiden sind passionierte Stadtbummler, besuchen die Cafés und Feste, sind immer für eine freundliche Plauderei zu haben und haben längst bevor das "Selfie-Machen" mit dem Handy Mode wurde gerne Fotos mit sich und ihren Stadtbekanntschaften gemacht. Ein ganzes Album haben sie so voll schöner Erinnerungen zusammengetragen.

Das deutsch-französische Paar lebt in einem Eckhaus mitten in Wittlich. Schaut es aus dem Fenster, sieht es auf Geschäfte in der Burgstraße. Und schaut man bei den ihnen in der Weihnachtszeit in ein Fenster um die Ecke in der Altneugasse, sieht man ehemalige namhafte Wittlicher Geschäfte, die es nicht mehr gibt. Das Schuhwarenhaus Possardt, Spielzeug Bohlen-Musseleck, Metzgerei Kiesgen, Hutsalon Brand, Café Niles, Sägewerk Becker, Leder Lütticken, Möhn Fische, Wild und Delikatessen, die Rathaus Apotheke, Buchhandlung Rieping: Vielfältig war Wittlichs Warenwelt, verbunden mit stadtbekannten Familiennamen. Das war einmal. Aber es bleibt unvergessen dank der "Werkstatt des Christkinds", für die stets vor der Weihnachtszeit Karin und Jean-Jacques Brand-Picard los legen: Er schreinert kleine Ladengeschäfte, sie bastelt die Ware nach: aus Knete, Stoff und allem, was ihr in die Finger fällt.

Dann wird ein Fenster liebevoll mit den kleinen Zeugen der Stadtgeschichte dekoriert und jedes Jahr kommt ein neues Modell dazu. So geht das seit 2003. Spätestens im November fragen dann die Wittlicher das deutsch-französische Paar, das lange in Paris lebte und zum Ruhestand in die Säubrennerheimat von Karin zog: "Was ist es denn dieses Jahr?"
"Die Wittlicher warten schon darauf", freut sich Karin Brand-Picard, "ist das nicht lustig? Dieses Jahr ist es Gemüse Heinrich aus der Burgstraße. Das war überm Gelz. Das war kein wirkliches Geschäft wie man das heute kennt. Es gab kein Schaufenster, nix! Man ging einfach in den Hausflur, rechts die Tür rein. Da war ein Raum und da hat er seine Kisten ausgestellt. Es gibt bestimmt noch viele Leute, die das noch wissen." Ansonsten kann es sich jetzt jeder vorstellen, der in der Adventszeit in das Erdgeschossfenster schaut. Die Kistchen sind kleiner als Streichholzschachteln und wurden aus hauchdünnem Spanholz nachgebastelt. Der Inhaber von Gemüse Heinrich steht hinten in einer Ecke und füllt ein Papiertütchen. Auf der Fensterbank neben ihm steht kein Gemüse sondern eine Flasche nebst Gläschen. "Ich nehme an, er hat gerne mal einen getrunken", sagt die Architektin der Miniaturwelt und deutet auf die Waren: "Die Kartoffeln kosten 50 Pfennig. Ist der Salat nicht süß? Ich habe auch Avocado gemacht, auch wenn meine Schwester zu Recht sagt, dass es den damals noch nicht gab." Sie sagt mit Blick auf das aktuelle Werk: "Ja unsere Fingerscha, die machen et noch. Die Beincha net mehr so ganz", und lacht.
Welches Gemüse sie beide denn gerne essen? Das Paar schaut sich an. Alles. "Bratkartoffeln vielleicht? Und Gratins. Mit Schweizer Käse und Schinken."

Beide sind 1938 geboren und nun 78 Jahre alt. "Ist doch schön, gell?", fragt Karin Brand-Picard, die jetzt mit Jean-Jacques überlegen muss, wie man alle Lädchen ins Fenster stellt, oder welches aus Platzgründen nicht gezeigt werden kann.
Vermutlich ist auf jeden Fall das Café Niles wieder zu sehen: Dort haben die beiden sich 1962 kennengelernt. Das Café gibt es nicht mehr, die Liebe schon und eine auf Zwergenmaß geschrumpfte Erinnerung.