"Deutsche machen Straße mit Shampoo sauber"

"Deutsche machen Straße mit Shampoo sauber"

Den Jugendraum Bombogen gäbe es nicht ohne die Geschichte der Russlanddeutschen, die in dem Stadtteil heimisch geworden sind, sagt Ortsvorsteher Hermann-Josef Krämer. Zum zehnjährigen Bestehen des Jugendraumes gibt es eine Ausstellung über die Aussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Zwei aus Russland stammende Frauen haben von ihrem Lebensweg erzählt.

Wittlich-Bombogen. "Wenn ein ganzes Volk wegfährt, will man nicht allein dableiben", sagt Olga Schilberg. Sie könne nicht sagen, dass es in Kasachstan schlecht gewesen sei, aber als 1990 die Aussiedlerwelle aus der zerfallenden Sowjetunion anschwoll, entschied sich die heute 62-Jährige, ebenfalls mit ihrer Familie nach Deutschland zu ziehen.
Keine leichte Entscheidung! Ihr Vater musste unter Stalin als Deutschstämmiger Zwangsarbeit leisten, doch Schilberg wuchs in Kasachstan auf, studierte russische Literatur, ihre Tochter und ihr Sohn kamen in dem zentralasiatischen Land zur Welt.
Sie wussten nicht, was sie erwarten würde. Man habe sich erzählt, dass in Deutschland die Straßen mit Shampoo gereinigt würden. Aber auch von Arbeitslosigkeit. "Warum sollten wir alles aufgeben, ohne zu wissen, was uns erwartet?", fragt die ebenfalls zu Beginn der 1990er Jahre ausgesiedelte Elvira Lukanowski.
Die vierköpfige Familie Schilberg lebte zwei Jahre in einem 16-Quadratmeter-Zimmer im Schwesternwohnheim am Wittlicher Krankenhaus. Die Küche mussten sie sich mit neun weiteren Familien teilen. "Aber wir hatten nie Streit. Wir haben gewusst: Es ist nicht für immer", betont Schilberg.Heimat- Geschichte(n)

Ihre größte Sorge sei gewesen, wie ihren Kinder (Sohn Eugen war bei der Ausreise sechs Jahre, Tochter Irina sechs Wochen alt) ergehen werde, erzählt Lukanowski. Wenn ihr Sohn aus dem Kindergarten kam, habe er sich oft beschwert: "Ich verstehe kein Wort. Kann ich nicht in einen Kindergarten, in dem Russisch gesprochen wird?" Dass ihr Kind die Sprache des neuen Heimatlands lernt, war ihr primäres Ziel. Sie schickte ihn zur HSG Wittlich. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Vereine zu bringen, sei auch ein Ansatzpunkt, den man beim Jugendtreff verfolge, erklärt Hermann-Josef Krämer: "Beim Sport klappt das schon ganz gut. Bei Musikvereinen und Feuerwehr brauchen wir wohl noch eine Generation." Von knapp 900 auf rund 1500 Einwohner ist der Wittlicher Stadtteil seit der Ausweisung des Baugebiets Hofflürchen I. 1995 gewachsen. 21 Nationalitäten leben nach Angaben des Ortsvorstehers in Bombogen. Der seit zehn Jahren bestehende Jugendraum im alten Tabakschuppen mit seinen beiden hauptamtlichen Betreuerinnen (zusammen 25 Wochenstunden), sei ein Glücksfall - nicht nur für die Jugendlichen. "Unsere Eltern kommen auch manchmal hier hin, wenn sie Hilfe brauchen, zum Beispiel bei Formularen", erzählt die 18-jährige Arina.Extra

"Deutsche aus Russland - Geschichte und Gegenwart" lautet der Titel der Ausstellung im alten Tabakschuppen in Bombogen. Auf 20 Tafeln werden nicht nur die Gründe und Umstände der Auswanderung nach Russland im 18., der Aufstieg im 19. sowie Verfolgungen und Deportationen im 20. Jahrhundert beschrieben. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die die Ausstellung zusammengestellt hat, zeigt das Schicksal der Menschen auch am Werdegang einzelner Familien. In einem zweiten Teil wird über die Aktivitäten des Jugendraums Bombogen informiert. Die Ausstellung ist noch bis zum 24. April montags bis freitags von 16 Uhr bis 19 Uhr zu besichtigen. redExtra

Vor mehr als 200 Jahren ging es vielen Menschen in Deutschland schlecht. Es gab Kriege und Missernten. Viele Bauern hatten zu wenig Land. Mehr als genug Land hatte dagegen Katharina die Große. Sie war Zarin von Russland, also so etwas wie eine Königin. Katharina versprach allen, die in ihr riesiges Reich kamen, ein Stück Land. Mehr als 30 000 Menschen, vor allem aus Deutschland, verließen deshalb ihre Heimat. Eine beschwerliche Reise führte sie zum Beispiel zum großen Fluss Wolga. Es ging ihnen gut. Aber als im Ersten und Zweiten Weltkrieg das Deutsche Reich angriff, fürchtete man, sie seien Spione. Die Russlanddeutschen mussten ihre Häuser verlassen und wurden gezwungen, woanders schwer zu arbeiten. Viele starben. Nach dem Krieg ging es den Russlanddeutschen wieder besser. Sie durften aber beispielsweise nicht wohnen, wo sie wollten. Deshalb kamen mehr als zwei Millionen Menschen, deren Vorfahren nach Russland gezogen waren, zurück nach Deutschland. teu

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