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Die besten Zuhörer haben ein dickes Fell

WITTLICH. Manchmal sind Hunde die besseren Menschen. Im Wittlicher Altenzentrum St. Wendelinus jedenfalls machen zwei vierbeinige Mitarbeiter einen richtig guten Job. ARRAY(0xcd9fe70)

"Früher bin ich vor Hunden fort gelaufen. Jetzt könnt ich sie knutschen. Komm her, mein Stoppelchen", sagt die Dame im Rollstuhl. Sie sitzt im Eingangsbereich des Altenzentrums. Den Chef der Einrichtung, Rolf Dörrenbächer, beachtet sie kaum, denn er hat Pelle und Chris dabei, die beiden "Haushunde". Chris, ein junger Labrador, "arbeitet" seit Oktober in St. Wendelinus - ein Acht-Stunden-Tag. Seinem neuen Lehrling Pelle, einem Cocker-Pudel-Welpen, muss er noch Respekt beibringen. Am besten, indem er sich dessen Privat-Spielzeug, einen kleinen Plüschaffen schnappt. Sowieso ist klar, wer hier der Profi ist: Während Pelle von Evelyn Barth noch zur Arbeit getragen werden muss, geht Chris lässig mit dem Schwanz wedelnd voran zum Aufzug und dann zu der Tür. Auf ihr steht: "Sie betreten eine andere Welt". Hier leben die Demenzkranken des Hauses. Bei leiser Volksmusik essen sie gerade zu Mittag. "Oh, der Kleine, komm her", ruft jemand Pelle zu, während Chris schon unterm Tisch nach dem Rechten schnüffelt. Ralf Dörrenbecher gibt einem Mann ein paar Leckerlis. Er macht die Hand auf, zählt sie ab und blickt auf den Labrador: "Fünf Stück. ‚Sitz‘ soll ich sagen? Sitz! So bleib da liegen, so ist‘s gut. Soll ich dir die geben?" Chris legt sich zu seinen Füßen, wird gefüttert und gestreichelt. Eine Frau ruft: "Chris, komm her!" Das Tier trabt zu ihr. Der Mann taucht wieder ab aus der Gegenwart und singt guter Laune: "O du fröhliche." Die Ruferin freut sich über die Begrüßung des Hundes und sagt: "Jetzt habe ich aber einen dicken Kuss bekommen! Der weiß, was sich gehört." Die kurze Begegnung der Tiere mit den pflegebedürftigen Bewohnern zeigt, was Ralf Dörrenbecher, der sich auch privat um Chris kümmert, vorher erklärt hat: "Der Einsatz der Tiere bringt therapeutische Erfolge. Man kennt das ja etwa vom therapeutischen Reiten oder der Delfintherapie. Sie steigern das Wohlbefinden. Demenzkranke zum Beispiel werden ruhiger, zugewandter. Die Tiere geben ihnen Entspannung." Evelyn Barth, die Mitarbeiterin, die sich beruflich wie privat um den kleinen Pelle kümmert, sagt: "Es gibt Bewohner, die sonst nicht reden und plötzlich wieder Worte gebrauchen. Man sieht, dass die Augen heller werden. Das ist das Größte, was wir erreichen können, die vielen kleinen Momente, in denen Demenzkranke wieder nach außen blicken."Auch die anderen freuen sich über die Hunde

Auch die anderen Bewohner des Hauses freuen sich sichtbar über die Vierbeiner. Katharina Krob hatte früher selbst einen Labrador. Ihre Hände liegen um Pelle, der auf ihrem Schoß ruht. Sie blickt auf Chris, der neben ihr sitzt: "Er kommt immer morgens zum Frühstück und guckt, ob was für ihn abfällt." Chris bellt. "Ja, wie spricht der Hund?" freut sich die Seniorin. Der Welpe scheint auf ihren Knien eingeschlafen zu sein. Sie sagt: "Ihr seid alle beide lieb." "Ein Labrador bietet sich für die Arbeit an, denn er ist sehr liebenswürdig und menschenbezogen", erklärt Ralf Dörrenbecher: "Chris ist ein Hund aus dem Trierer Tierheim. Wir kannten seine Vorgeschichte, hatten Kontakt zum Vorbesitzer. Alles hat für ihn gesprochen. Aber es gibt keinen Hund, der per se nicht geeignet wäre." Chris Einsatz seit vier Monaten hat nur gute Erfahrungen gebracht. "Wann hat man sonst schon im Heim die Möglichkeit, Liebkosungen auszutauschen, Nähe und Körperberührung zu erleben? Das steigert den Lebenswert", sagt der Leiter der Einrichtung, "Natürlich braucht auch der Hund seine Pausen. Man darf das Tier nicht instrumentalisieren. Hund und Bewohnern muss es gut dabei gehen." Nicht nur das Streicheln und Füttern der Tiere ist den Menschen wichtig. Dörrenbecher: "Selbst wenn jemand die selbe Geschichte zum hundertsten Mal erzählt. Der Hund hört genauso liebevoll zu." 135 Bewohner und 130 Mitarbeiter hat das Caritas-Altenzentrum. Viele Senioren hatten früher selbst Haustiere. Was viele nicht wissen: Es ist grundsätzlich möglich, sein Tier mitzubringen. Dörrenbecher: "Das muss konkret besprochen werden. Aber viele haben im vorauseilenden Gehorsam ihr Tier schon weggegeben." Jetzt haben sie Pelle und Chris. Umgetauft haben die Bewohner die Mitarbeiter mit dem dicken Fell auch schon. Sie nennen die beiden "Bär" und "Bärchen".