Die Geige auf dem Knie

HUNOLSTEIN/WEIPERATH. Fernöstliche Klänge in der Walholzkirche: Zum dritten Mal gab die Gruppe Embryo, Pionier aus dem Reich der Weltmusik, ein Konzert – diesmal zusammen mit dem chinesischen Musiker Xizhi Nie.

Familiär geht es zu, wenn Embryo in der Walholzkirche spielen. Übernachten sie doch bei einem Freund, dem Zahnarzt Thilo Grauheding, und kommen quasi "immer mal vorbei, wenn die Kirche auf dem Weg liegt", wie der Kopf der Truppe, Christian Burchard, erklärt. Am Wochenende lag Morbach mit dem kleinen Kirchlein, das Embryo als Konzertort schätzen, wieder einmal günstig: Freitags spielten sie in Stuttgart, samstags in der Walholzkirche, sonntags in Lyon, in wenigen Tagen ist ihr meditativer Klang in Barcelona auf einem der wichtigsten Festivals von Spanien zu hören. Bekanntlich ist alles im Leben Geschmacksache, die schönen Künste ganz besonders. Längst ist der Ursprung von Embryo nicht einmal mehr zu erahnen: Ja, man stamme tatsächlich von der Rockmusik der frühen 70er Jahre ab. Fans wissen allerdings, dass 35 Jahre Touren durch die ganze Welt auf der Suche nach Erweiterung der eigenen Klangmöglichkeiten nicht nur ihre Spuren hinterlassen haben, sondern den Sound der Truppe einschließlich des internationalen Instrumentariums vollkommen gewandelt hat. Da erklingen neben dem althergebrachten Xylophon arabische Flöten und Lauten, ein amerikanisches Vibraphon, die chinesische Flöte Dizzi, Percussions aus aller Herren Länder oder eine indische Santur, dem deutschen Hackbrett ähnlich. Die aktuelle Tournee gestalten Embryo mit einem Meistermusiker aus dem Reich der Mitte: Xizhi Nie und Embryo hatten sich vor Jahren auf einer Solidaritätsveranstaltung für die Opfer des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking persönlich kennengelernt. Doch Geschmäcker sind verschieden. Wahrscheinlich kennen Embryo den auch im Hunsrück zu beobachtenden Effekt: Einige Zuhörer, verständnislos, sogar genervt ob der über weite Strecken völlig entrückt und meditativ anmutenden Klänge, in denen die fernöstliche Kultur eindeutig die Oberhand hat, verließen gleich während der ersten halben Stunde den Konzertsaal. Hellauf begeistert waren dagegen jene, die sich wie Burchard und Kollegen neugierig als Pioniere im unermesslichen Reich der Weltmusik umtun. Ihr Gehör war auf die dargebotene Musik eingestellt, sie wussten, was sie erwartete, und wurden aufs Feinste bedient. Großartige Musiker sind sie zweifellos, die Embryos mit Xizhi Nie, der mit der zweisaitigen Kniegeige Erhu und der Scheng, einer Jahrtausende alten Mundorgel aus 32 schwarzen Bambusflöten, Instrumente nach Europa bringt, die dieser Kontinent noch nie gesehen hat. Richtig meditativ wurde es im zweiten Teil des Konzertes, als sich allmählich die Dunkelheit über die Kirche senkte. Schummeriger, flackernder Kerzenschein war die ideale optische Ergänzung der sphärischen Akustik des Abends.

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