Die Geschichte einer Kaisertuba
Seit den frühen 30er Jahren ist ein Instrument unter Wittlicher Musikern unterwegs, das viel erzählen könnte, wenn es denn ein Lebewesen wäre. TV-Leser Karl-Heinz Kaspari erzählt die Geschichte der großen Kaisertuba, die heute noch vom Blasorchester gespielt wird:
Wittlich. Als am Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts das sogenannte "tausendjährige Reich" seine Gewaltherrschaft in Deutschland begann, füllten sich auch die Kasernen mit Soldaten, und Regiments-Militärmusikkapellen wurden gegründet, um die Taten der politischen Machthaber zu verherrlichen. Um aber musizieren zu können, brauchte man vor allem gute Blasmusikinstrumente. So kam eine Kaisertuba als neues Instrument in den Besitz der Regimentsmusikkapelle der sogenannten "105er", die in der ehemaligen Wittlicher Kaserne untergebracht war. Gebaut wurde sie bei einem der bedeutendsten Hersteller für hochwertige klassische Blasmusikinstrumente, den Alexander-Werken in Mainz. Bei hunderten von Anlässen tat sie ihren Dienst, bis auch der letzte Musiker der Regimentsmusikkapelle an die Kriegsfront geschickt wurde, wo fast alle ihr junges Leben opferten. So auch der Soldat, der diese Kaisertuba geblasen hat. Ehe er an die Front musste, übergab er seiner Ehefrau das kostbare Instrument in Obhut. Sie verstaute die Kaisertuba im Keller. Als der Krieg zu Ende war, kam die Zeit der militärischen Besatzungsmächte und des Hungers. Aber irgendetwas mussten die armen Leute doch essen. So suchten sie nach Dingen, die sie gegen Essbares zu tauschen versuchten. Man nannte das Hamstern, was illegal war. Auch die Ehefrau des gefallenen Tubisten hatte große Not zu leiden. Sie wusste nicht mehr, wie sie ihr hungerndes Kind versorgen sollte. Krank und schwach lag es da. Eines Morgens suchte sie nach irgendetwas im Keller, was sie vielleicht gegen Lebensmittel tauschen könnte. Beim Umräumen in einem Kellerraum erblickte sie einen Gegenstand, den eine alte Decke verhüllte. Hin und her überlegte sie, was sie mit dem Riesending machen soll. Angesichts des Hungers und des Todes ihres Mannes beschloss sie, sich von der Kaisertuba zu trennen. Aber wochenlang fand sie niemanden, der so ein Monster haben wollte. Zu der Zeit, 1946/47, als die ersten deutschen Kriegsgefangenen wieder nach Hause kamen, waren darunter auch einige des Blasorchesters Wittlich. Sie hörten davon, dass die französischen Besatzer das Café Mohr beschlagnahmt hatten, um ihren Offizieren und deren Frauen eine Möglichkeit zu Tanz und Unterhaltung zu geben. Deshalb suchten sie einige Musiker. Also meldeten sich nach und nach fünf Musiker des Blasorchesters Wittlich. Als Entgelt bekamen sie nur Konserven aus den französischen Militär-Deputaten. Da war alles Mögliche dabei, vom besten Rindfleisch über Käse bis zur Marmelade. Dafür mussten sie nahezu jeden Abend für die französischen Offiziere musizieren. Je nach Laune verlangten diese Offiziere auch hin und wieder französische Militärmusik. Dazu hätten sie eine Tuba oder ein Bariton gebraucht. Nach dem Krieg wieder ein Besitzerwechsel
Eines Tages hörte die Ehefrau des gefallenen Tubabläsers davon. Sie meldete sich bei einem der Tanzmusiker vom Café Mohr. Und siehe da, als die Musiker diese vierventilige Kaisertuba mit den Neusilber-Beschlägen und dem fantastischen Klangvolumen sahen und ausprobierten, waren sie so begeistert von dem Instrument, dass sie der Frau fast jeden Preis bezahlt hätten. Doch da auch sie kein Geld hatten, wurde man sich einig, dass die Tuba mit Konserven bezahlt wurde. So waren alle sehr zufrieden. Die Musiker hatten eine tolle Kaisertuba, und die Ehefrau des Tubisten und ihr krankes Kind konnten sich satt essen und das Kind schnell genesen. Diese Kaisertuba wurde später von den fünf Musikern dem Blasorchester geschenkt, als dieses nach dem Krieg im Jahre 1949 als Verein zu musizieren begann. Sie ist bis heute eines der ältesten und wertvollsten Blasinstrumente im Eigentum des Blasorchesters Wittlich und wird noch immer gespielt. Das Blasorchester Wittlich gibt am morgigen Samstag, 5. Januar, sein traditionelles Neujahrskonzert im Lindenhof in Wittlich. Konzertbeginn ist um 20 Uhr. Die Eintrittskarten für die Traditionsveranstaltung gibt es zum Preis von sechs Euro im Vorverkauf Meyenschein Optics am Marktplatz und im Kulturamt. Die Karten an der Abendkasse kosten sieben Euro.