Die Hälfte des Himmels

BERNKASTEL-WITTLICH. Eine alle Parteien übergreifende Veranstaltung der "Frauen Union" soll Mut machen für mehr weibliche Gestaltungskraft in politischen Gremien. Der TV befragte Politikerinnen nach ihren Erfahrungen.

Den Frauen gehöre die Hälfte des Himmels, besagt ein japanisches Sprichwort. Doch ganz diesseitig gehört ihnen auch die Hälfte der Erde. Davon ist jedoch nicht nur in den Führungsetagen der Wirtschaft, sondern auch in der Politik immer noch vergleichsweise wenig zu sehen. Auch die alltagsnahe Kommunalpolitik ist davon betroffen, und im Kreistag Bernkastel-Wittlich sitzen nur elf Frauen gegenüber 31 Männern. Dass es eine gute Erfahrung für die Wagemutigen ist, darin sind sich alle Frauen einig, die den Schritt in die Politik unternommen haben. "Wir müssen da sein, wo die Entscheidungen getroffen werden", ist Christa Klaß, Mitglied des Europaparlaments, sicher, "es reicht nicht, wenn Frauen Männer delegieren, denn nur eigene Betroffenheit verschafft Gehör und macht gute Redner." "Männer müssen ihre Frauen unterstützen"

Wenn hinter jedem starken Mann eine starke Frau stehe, gelte das auch umgekehrt. "Männer müssen ihre Frauen unterstützen", fordert Christa Klaß. Denn durch ihren zumeist komplizierteren Lebensweg mit ihrer Verantwortung für die Familie und durch mangelndes Selbstbewusstsein würden Frauen oft an einem politischen Engagement gehindert. "Die Strukturen in der Politik sind männlich belegt, ganz simpel angefangen bei ungünstigen Sitzungszeiten", weiß Politikerin Klaß. Doch die aktiven Frauen können mit Netzwerken und Coaching ihren Geschlechtsgenossinnen Mut machen und die Wichtigkeit ihrer Beteiligung klar machen. "Zum Beispiel Straßenbau ist durchaus ein Frauenthema. Denn sonst werden Wege gebaut, die zu schmal sind für Kinderwagen." Inge Sliwka, parteilose Ortsbürgermeisterin von Niederscheidweiler, empfindet ihre kommunalpolitische Arbeit als inspirierende Bereicherung für ihr Leben, die sie mit vielen Menschen in Kontakt brachte und ihr die Möglichkeit gibt, vieles zu gestalten. "Ich erlebe die Männer als sehr kooperativ. Und ich wurde nie behindert, sondern im Gegenteil, als Frau habe ich es sogar einfacher", ist ihr Eindruck. Für sie war es eine besonders positive Erfahrung, als Nicht-Eifelerin und als Frau von der örtlichen "Urdemokratie" in direkter Wahl "mehr Verantwortung als nur für die Familie" bekommen zu haben. Als durchweg positiv beschreibt auch Landrätin Beate Läsch-Weber, die vor zehn Jahren die einzige Frau in dieser Position in Rheinland-Pfalz war und nun zwei Kolleginnen hat, ihre Erfahrungen: "Alle Türen stehen offen, wenn man im Amt ist." Jedoch sei es wohl eine "schwierige Entscheidung für die Entscheider" gewesen, ihr das Amt anzuvertrauen: "Männer haben manchmal andere Handlungsmuster und berücksichtigen weniger Kompetenzen, die durch Ehrenämter oder Familie aufgebaut wurden." Ein sensibler und kooperativer Führungsstil, wie er als typisch für Frauen gelte, sei aber heute überall angebracht, "der autoritäre Stil ist längst vorbei, und es zählt auch die emotionale Komponente". Dennoch müssen die Bedingungen für eine bessere Vereinbarkeit von Engagement und Familie geschaffen werden, betont Läsch-Weber, und auch das tradierte Rollenverständnis in den Partnerschaften sei noch immer ein Handicap. "Mir geht es darum, dass Frauen die Wahlfreiheit bekommen und dass sie ergebnisoffen mit ihren Männern diskutieren können, ob sie sich politisch einbringen", sagt die Landrätin. Dass sich Frauen in der Politik bewährt haben, indem sie Dingen auf den Grund gehen, nicht daherreden und hartnäckiger sind als Männer, ist das Fazit der Bernkastel-Kueser Stadträtin Waltraud Will-Feld, die auf 18 Jahre Erfahrung im Bundestag zurückblickt. "Wir waren früher in den Parlamenten eher Alibi-Frauen, heute sind die jungen Frauen besser ausgebildet, selbstbewusster und gewandter", ist die 82-Jährige zufrieden. Allerdings sei es nach wie vor in den großen Parteien ein schwieriger Weg bis zum Mandat. Eine Frau dürfe nicht aufgeben und müsse auch "Schlappen einstecken: "Wir können uns doch nicht an die Wand drücken lassen!" Sie will anderen Mut machen, die problematischen Seiten zu meistern. "Ich hatte früher auch weiche Knie, wenn ich öffentlich reden musste. Aber wir wachsen an unseren Aufgaben, und Politik kann man lernen."

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