Die Hüter der edlen Moseltropfen sitzen in Wittlich

Die Hüter der edlen Moseltropfen sitzen in Wittlich

Will ein edler Tropfen mit dem Namen Mosel glänzen, kommt er an Wittlich nicht vorbei. Im Weinbauamt werden jährlich bis zu 20 000 Weine und Sekte geprüft. Nur was hier besteht, darf im Handel als Qualitätswein verkauft werden.

Wittlich. An den Wänden von Jutta Schneiders Büro hängen eine Reihe von Aquarellen. Sie zeigen Karikaturen von Weintrinkern. "Lieblich, aber ohne Rückgrat" steht unter dem Bild eines Pärchens. In der einen Hand des Mannes ein Glas Wein, im anderen Arm eine recht hübsche Frau, die hintenüber hängt. Der Volksmund würde sagen wie ein nasser Lappen. Ihr Kopf baumelt neben seinen Füßen. "Reif aber reizlos", "ordinär". Die Urteile über Weine sind hier auf ihre Trinker übertragen.
Schneider trägt seit zwölf Jahren die Verantwortung für die Qualitätsweinprüfungen im Weinbauamt in Wittlich (siehe Extra). In der Hauptsaison zwischen März und Juli, wenn die Lese des vergangenen Herbstes auf den Markt drängt, testen sie in sechs Sitzungen bis zu 360 Weine täglich, denn alles, was als Moselwein (siehe Hintergrund) auf den Markt soll, muss hier geprüft werden. Danach reißt der Strom allmählich ab. "Das sind vor allem Kellereien, die jetzt prüfen lassen", erklärt der Leiter des Weinbauamtes, Stephan Reuter. Da bleibt auch Zeit, mit der Reporterin des Trierischen Volksfreund einen Rundgang durch das Gebäude zu machen.
Im Keller der Landwirtschaftskammer, die das Weinbauamt beherbergt, befindet sich die Annahme für die Weine. "Anstellung" heißt es, wenn die Flaschen für die Qualitätsprüfung abgegeben werden. Der Preis variiert je nach Abfüllmenge und beginnt bei 16 Euro. Je mehr Wein abgefüllt wurde, desto teurer ist die Prüfung. Drei Flaschen müssen die Kunden jeweils abgeben, außerdem eine chemische Analyse der Inhaltsstoffe. Zwei der Flaschen werden, nachdem sie eine Nachverfolgungsnummer erhalten haben, verschweißt und müssen von den Winzern drei Jahre lang aufbewahrt werden. Falls doch einmal Reklamationen von Verbrauchern oder der staatlichen Weinkontrolle kommen. Fast 13 000 Weine und Sekte sind in diesem Jahr schon angestellt worden.
Paul Eifel, Doris Franz und Stephan Thielen sind an diesem Tag zur Qualitätsprüfung erschienen. Sie sind drei aus einem Pool von mehr als 120 ehrenamtlichen Prüfern, aus denen Schneider ihre meist vierköpfigen Kommissionen berufen kann. Als Winzer und Weinbaubautechniker sind sie vom Fach. Aber auch Verbraucher können nach einer entsprechenden Schulung Weinprüfer werden. 56 Weine werden die drei in den nächsten eineinhalb Stunden testen und über deren Güte befinden. Mit Einschenken und Bewertung abgeben macht das kaum mehr als eine Minute pro Tropfen. "Training und ein gutes Gedächtnis sind beim Prüfen am Wichtigsten", sagt Schneider. Nach einem festgelegten Schema beurteilen die drei Farbe, Klarheit und Schäumung der Getränke.Getrunken wird nicht


Danach geht es an den Geruch. Er ist das Hauptunterscheidungsmerkmal. Die Nase kann weit mehr Unterschiede wahrnehmen als die Zunge. Das sei, sagt Schneider, zu vergleichen mit einer Kommode mit vielen Schubladen, in denen die einzelnen Gerüche liegen. Ein geübter Prüfer könne immer wieder Schubladen öffnen und die Gerüche abgleichen. Kaffeenoten können gut sein, muffige und schimmlige Gerüche sind es definitiv nicht.
Abschließend bewerten die Tester die Harmonie, die Ausgeglichenheit zwischen Säure und Süße. Bis zu fünf Punkte können sie vergeben. Mindestens 1,5 braucht ein Wein, um die Qualitätsbezeichnung tragen zu dürfen. Bestimmte Weine, zum Beispiel Steillagen, müssen sogar drei Punkte erreichen.
Getrunken wird der Wein bei der Probe nicht. Egal ob gut oder schlecht, die Tester spucken ihn immer aus. Zwischendurch gibt es Wasser und Brötchen, um die Geschmacksnerven zu neutralisieren.
Insgesamt ist es diesmal ein durchschnittliches Feld. Die meisten Weine gehen mit einer Note zwischen zwei und drei nach Hause, vereinzelt fällt eine Bewertung bis zu 4,5. Nur ein Riesling muss kurz um das Qualitätsurteil fürchten. Am Ende reicht es gerade so für die Mindestpunktzahl. Ihm habe der Körper gefehlt, also Mineralstoffe und mehrwertige Alkohole wie Glycerin, urteilen die Prüfer. Der Laie würde wohl sagen, er schmeckt flach und wässerig. Wie ein fehlender Körper wohl als Weintrinker-Karikatur aussieht?Extra

"Mosel" ist eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Nur Weine, deren Trauben von der Mosel kommen und die die Qualitätsprüfung bestanden haben, dürfen diese Bezeichnung tragen. Tafel- und Landweine werden nicht geprüft. Die zwölfstellige amtliche Prüfnummer (A.P.-Nr. ) muss auf dem Etikett jedes erfolgreich geprüften Weines stehen. Die erste Ziffer bezeichnet die Prüfungsstelle. Eins steht für Koblenz, zwei für Wittlich und drei für Trier. Es folgt eine sechsstellige Betriebsnummer. Die folgenden drei Zahlen geben an, um den wievielten Wein dieses Winzers oder dieser Kellerei es sich in einem Jahr handelt. Die beiden letzten Ziffern zeigen das Jahr der Prüfung. cliExtra

Das Weinbauamt in Wittlich ist ein Teilbereich der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz, der beruflichen Selbstverwaltung der Landwirte, Winzer, Gärtner und Forstleute. Ihr Hauptsitz ist in Bernkastel-Kues. Das Weinbauamt in Wittlich deckt die Anbaugebiete Mosel, Ahr und Mittelrhein ab. Es hat Zweigstellen in Trier (für die Bereiche Obermosel, Saar und Ruwer) und Koblenz (für die Terrassenmosel, Ahr und Mittelrhein). Geleitet werden die 20 Mitarbeiter in Wittlich von Stephan Reuter. cli

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