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Die Kapitänin und ihre lange Fahrt

Die Kapitänin und ihre lange Fahrt

"Das wird nix." Die Worte sagten Männer Claudia Hein früher ins Gesicht, als sie von ihrem Kindheitstraum erzählte. Sie wollte in der Schifffahrt arbeiten. Das dauerte. Erst war die Traben-Trarbacherin Friseurin, dann Zahntechnikerin - und nun steuert sie ihr eigenes Schiff.

 Mit der MS Minerva transportiert Claudia Hein Kies und Stahl.
Mit der MS Minerva transportiert Claudia Hein Kies und Stahl. Foto: (m_kreis )

Traben-Trarbach/Stuttgart. Das Unheil der ganzen Geschichte beginnt irgendwie bei den Piraten. Denn die Seeräuber duldeten keine Frauen an Bord. Sie trauten ihnen die harte Arbeit auf dem Schiff nicht zu und fürchteten sich davor, vom Pech verfolgt zu werden. Hunderte Jahre liegt der Spuk schon zurück. Denkt man. Doch dann kommt Claudia Hein. Sie kann die Geschichte erzählen, wie sie nur Absagen erhielt, als sie Binnenschifferin werden wollte. "Das wird nix", sagten die einen. "Mädel, bleib' an Land", lästerten die anderen. 25 Jahre liegt der Spuk erst zurück. Die Traben-Trarbacherin sagt: "Frauen hatten damals gar keine Chance."
Jetzt, mit 40 Jahren, lächelt sie über ihren Werdegang. Denn während Claudia Hein ins Handy spricht, steht sie auf einem Schiff. Ihrem Schiff. Der MS Minerva. 85 Meter lang, 8,20 Meter breit - und in der Lage, 1225 Tonnen an Material zu transportieren. Ihr Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen.
Hein ist die einzige Binnenschifferin in Stuttgart. Täglich schippert die Kapitänin über den Neckar, um Kies und Stahl zu verladen. Es ist ein Knochenjob. Aber es ist der Knochenjob, für den sie lange gekämpft hat. "Meine Berufung", wie Hein sagt. Schon als kleines Mädchen wollte sie auf das Wasser. Ihr Vater hatte ein eigenes Schiff, mit dem die Familie häufig über die Mosel fuhr. Dabei fand Hein ihr Ziel. Doch weil die Binnenschiffer Frauen an Bord ablehnten oder auf den Touren nur ihre Familien mitnahmen, musste sie beruflich einen neuen Kurs einschlagen. Erst begann sie eine Ausbildung zur Friseurin. Dann zur Zahntechnikerin. Als sie mit 30 Jahren aus betriebsbedingten Gründen auf der Straße saß, erinnerte sie sich an ihren ewigen Kindheitstraum. Hein erzählt: "Die Uhr lief. Und ich dachte: Wenn du jetzt nicht den Arsch hochkriegst, dann war es das."
So bewarb sie sich bei einem Fahrgastschiff und erhielt eine Zusage. Plötzlich war Land in Sicht. Sie arbeitete an Bord, reparierte Maschinen und wälzte abends freiwillig Bücher, um Matrosin zu werden. Trotz aller Mühe kommt sie zum Schluss: "Ich musste immer besser sein als die Männer, um akzeptiert zu werden." Auch Gemeinheiten habe sie einstecken müssen. "Einmal hat jemand ein Tablett mit Gläsern absichtlich fallen lassen und zu mir gesagt: Räum du das weg. Das ist nicht mein Job."
Beim Wechsel in die Frachtschifffahrt wollte sie sich auf die Männer daher nicht verlassen, die schon wieder den Kopf schüttelten. Sie sagte sich: "Wenn ich dort landen möchte, muss ich mir mein eigenes Schiff kaufen." Über einen Makler kam sie an die MS Minerva. Wieviel sie dafür bezahlt hat, will sie nicht verraten. Bereut habe sie Entscheidung nicht. Seit drei Jahren ist Hein der Chef einer weiblichen Crew. Mit an Bord sind neben ihrer Hündin Maja noch ihre Steuerfrauen Britta und Sandra. Unter dem Deck teilt sich die Besatzung eine 50-Quadratmeter-Wohnung. Mit Flachbildfernseher, Couch, Computer und Küche.
Zeit zum Relaxen bleibt den Frauen nur selten. Sieben Tage in der Woche sind sie unterwegs. Ob bei 40 Grad im Sommer oder frostigen Temperaturen im Winter. Der Wecker klingelt meistens schon um fünf Uhr in der Frühe. 14-Stunden-Tage seien die Regel. Bei kaputten Schleusen dauere es auch mal länger, erzählt Hein. 27 Schleusen hat der Neckar. "Am Ende mancher Tage bekomme ich keinen Satz mehr raus vor Müdigkeit."
Der Job dominiert auch die Freizeit. Einmal, sagt die Kapitänin, habe sie sich so auf eine Hochzeit gefreut. Dann platzte ein Auftrag rein. Und Hein musste auf dem Schiff bleiben. "Ich habe Rotz und Wasser geheult."
Doch bei allen Strapazen liegen ihr das Schiff und der Job am Herzen. Hein rätselt selber, warum das so ist. "Ich weiß nicht, ob es Liebe ist, Herzblut oder ob ich einfach ein bisschen bescheuert bin. Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Zum Glück sind meine Familie und Freunde an der Mosel tolerant, wenn ich nicht so oft nach Hause kommen kann", sagt sie.
Und auch alte Kapitäne ärgern sie nicht mehr so häufig. Manche helfen ihr sogar. Andere legen langsam ihre alten Marotten ab und haben Achtung von der Frau in ihren Reihen. Wenn auch in vielen Fällen nur heimlich, wie Hein erzählt.
Neulich erst habe sie einen Monteur auf dem Schiff gehabt. Er verriet der Traben-Trarbacherin, mit welchem Respekt die männlichen Kollegen von der einzigen Kapitänin auf dem Neckar sprechen würden. "Ins Gesicht sagen", so Hein, "würden sie es mir aber niemals."