Die Kinderstube der Reben

Rund 700 000 Reben pflanzen die Moselwinzer im Jahr in den Boden. Drei Jahre muss ein junger Weinstock wachsen, bis er den ersten nennenswerten Ertrag bringt. Das Pflanzgut bekommen die Winzer von Rebveredlungsbetrieben. Einer der größten an der Mosel ist das DRK-Sozialwerk in Bernkastel-Kues, das 1998 die im Jahr 1912 gegründete Kreisrebenveredlungsanstalt übernommen hat.

Bernkastel-Kues. Es riecht nach Holz und Erde in dem hellen Packraum des Rebveredlungsbetriebs im Kueser Gewerbegebiet. Ein Dutzend Männer und Frauen beschneiden die rund 40 Zentimeter langen Rebsetzlinge, sortieren sie, sie tauchen zum Schutz vor Austrocknung die Veredlungsstelle in ein Paraffinbad und versehen die Rebenbündel mit kleinen blauen Etiketten. Hier befindet sich sozusagen die Kinderstube der Weinreben, denn in dem Rebveredlungsbetrieb des DRK-Sozialwerkes werden Pflanzreben produziert. Es ist eine mühevolle Handarbeit. Noch wurde keine vollautomatische Maschine erfunden, die die jungen Weinstöcke beschneiden oder sortieren kann. Auch das Veredeln der Reben, das heißt, auf eine amerikanische Unterlagsrebe wird ein europäisches Edelreis, zum Beispiel Riesling, Elbling, Weißburgunder, Dornfelder etc., gepfropft, ist reine Handarbeit (siehe Extra).1998 hat das DRK-Sozialwerk Bernkastel-Wittlich die Kreisrebenveredlungsanstalt übernommen. Dort arbeiten, je nach Saison, bis zu 20 behinderte und zwei nichtbehinderte Menschen. Zurzeit werden die Pfropfreben, die von Mai bis November in der sogenannten Rebschule Wurzeln gezogen und Triebe gebildet haben, zurückgeschnitten, sortiert und versandfertig gemacht. Größere Rebschulflächen befinden sich bei Trier/Kenn, unmittelbar neben der Autobahn. Der größte Teil der Reben geht an Winzer an der Mosel und in die großen deutschen Anbaugebiete Rheinhessen oder Pfalz, etwa 20 Prozent der Jahresproduktion von 800 000 Reben finden im Ausland ihre Abnehmer - vornehmlich in Italien und in osteuropäischen Weinbauländern. Pfropfreben aller gängigen Rebsorten werden in Bernkastel-Kues produziert, erklärt Ludwig Bender, Abteilungsleiter Rebveredlung des Cusanus-Hofgutes. 1,60 Euro kostet der fertige Setzling. Dabei spielt die Sorte keine Rolle. Für die Rebveredler ist jedes Jahr die Frage spannend, welche Rebsorte gerade "in" ist. Zurzeit ist es der Riesling, der in der Pfalz und Rheinhessen, aber auch im Ausland begehrt ist. Vor zehn Jahren setzten die Winzer verstärkt auf rote Rebsorten wie Blauer Spätburgunder oder Dornfelder. Weil die Rebveredler stets ein Jahr zuvor entscheiden müssen, welche Sorten sie veredeln und in die Rebschule bringen, kann es schon mal vorkommen, dass sie auf einigen Sorten sitzenbleiben oder bei anderen Sorten mit der Nachfrage nicht nachkommen. Ludwig Bender: "Zurzeit gibt\'s beim Riesling einen Engpass."volksfreund.de/videos Extra

Im 19. Jahrhundert führte die Reblaus im europäischen Weinbau zu dramatischen Verwüstungen. Die aus Nordamerika stammende Blattlaus-Verwandte wurde Mitte des 19. Jahrhunderts nach Frankreich eingeschleppt und breitete sich rasant von dort über sämtliche europäische Weinbaugebiete aus. Die Rettung brachte eine geniale Idee: Zur Bekämpfung des Schädlings wurden reblaustolerante Weinreben ("Unterlagsreben" der Arten Vitis riparia und Vitis berlandieri) aus Amerika mit den einheimischen Edelsorten wie Riesling, Burgunder, Silvaner u.s.w. (allesamt Vitis vinifera-Reben) bepfropft. So konnte der komplizierte Fortpflanzungszyklus der Reblaus unterbrochen werden. sim Extra

Der oberirdische Teil einer Pfropfrebe besteht aus europäischen Reben, die die Weinart bestimmen. Aufgepfropft werden sie als "Edelreis" mit einem Auge (Knospe) auf eine unterirdische Unterlage, die aus den gegen die Reblaus unempfindlichen amerikanischen Sorten gekreuzt wurde. Die Unterlage übernimmt später die Nährstoff- und Wasserversorgung. Aus dem Edelreisauge wächst der Trauben tragende Rebstamm. Die Unterlagsreben, die für die Veredlung benötigt werden, stammen heute aus italienischen, französischen und portugiesischen Vermehrungsanlagen. Beide Teile werden bei der Rebenveredlung mit speziellen Schnitten und nach einigen besonderen Behandlungsmaßnahmen miteinander kombiniert. Sie bilden ein Wundgewebe (Kallus), das die Verbindung herstellt. Nach einer mehrwöchigen "Geburts- und Kindheitsphase" im Rebenveredlungsbetrieb werden junge Pfropfreben im Freiland in einer "Rebschule" weiter kultiviert, in der sie eine Vegetationsperiode verbringen. Im dar auffolgenden Winter werden sie sortiert, und über ein Jahr nach Beginn der ersten Arbeit kann der Winzer die Rebe pflanzen. Zwei bis drei Jahre nach der Pflanzung im Weinberg ist der Rebstock dann erwachsen und trägt die ersten Trauben. red