Die kleine, weite Welt: Wie ein großer und ein kleiner Winzer von ausländischen Kunden profitieren

Die kleine, weite Welt: Wie ein großer und ein kleiner Winzer von ausländischen Kunden profitieren

Beide Winzerbetriebe haben Kunden in aller Welt. Dennoch produzieren sie ganz unterschiedlich. Bei der Kellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues werden jährlich 250 Millionen Flaschen, Tetra-Paks, Dosen und Bag-in-Boxes verkauft, beim Winzer Peter Ehses reifen nur rund 11 500 Liter in Fässern zu Wein heran.

Zwischen ihnen liegen nur sechs Kilometer und doch Welten: die Kellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues und der Winzer Peter Ehses in Zeltingen-Rachtig. Beide verkaufen Wein in einer zusammenwachsenden Welt. Es ist laut in der Halle, so laut, dass Christoph Schneider rufen muss, um verstanden zu werden.
Vorhin, beim Gespräch in einem Konferenzraum, hatte er leise geredet und seine Worte mit Bedacht gewählt. Jetzt steht er in einer riesigen Fabrikhalle und kämpft gegen den Lärm an. Flaschen klirren, Maschinen zischen. Christoph Schneider trägt Jeans und Hemd, darüber wölbt sich ein weißer Kittel. Er zeigt auf eine Maschine, die Flaschen spült, füllt und verschließt, es dauert nur Sekunden: Leere Flaschen kommen rein, volle wieder raus, die Etikette leuchten rosa. "Das ist für aromatisierte Getränke", ruft Schneider, zum Beispiel für Hugo: einen Weincocktail, der nach Holunderblüte und Limette schmeckt.
Nabel der Produktion


Christoph Schneider ist Weinbauexperte und arbeitet bei der Kellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues. Wenn es nach Zahlen geht, nach Absatz und Umsatz, dann ist diese Firma der Nabel der deutschen Weinproduktion: 250 Millionen Flaschen, Tetra-Paks, Dosen und Bag-in-Boxes zum Selbstzapfen laufen im Jahr vom Band, mehr als in jeder anderen Kellerei des Landes.
Das Fachmagazin Weinwirtschaft schätzt den jährlichen Umsatz auf 330 Millionen Euro. Schneider leitet den Weineinkauf, eine wichtige Abteilung. Was hier durch die Rohre fließt, stammt größtenteils von externen Winzern: Lastwagen karren Wein von der Mosel, aus Rheinhessen und der Pfalz heran, aus Frankreich, Italien, Australien und Südafrika.
Bei Peter Mertes wird der Wein im Labor kontrolliert, gelagert und abgefüllt. Am Ende landet er im Einzelhandel. Bei Aldi oder Lidl. Bei Rewe oder Edeka. In niederländischen und amerikanischen Supermärkten. Christoph Schneider sagt, die Kellerei exportiere ihre Produkte in etwa 50 Länder. Um zu sehen, dass der Wein in Bernkastel-Kues abgefüllt wurde, muss der Kunde meist das Kleingedruckte auf dem Etikett lesen.
Seit Jahrzehnten wächst die Welt zusammen: Wege werden kürzer, Menschen mobiler, Gesellschaften bunter. Man kann diese Entwicklung an der Kellerei beobachten, die vor 92 Jahren von einem Winzer namens Peter Mertes gegründet wurde und sich seitdem auf ausländische Märkte ausgedehnt hat.
Ein bisschen ist diese Entwicklung auch bei Peter Ehses, einem Winzer aus Zeltingen-Rachtig, spürbar. An einem Vormittag im Herbst betritt er das Halbdunkel seiner Scheune. Links stehen ein Traktor und eine Weinpresse, rechts zwölf mannshohe Edelstahlfässer. In der Luft hängt ein säuerlicher Geruch. "Für einen Hektar", sagt Ehses mit Blick auf den Traktor, "brauchen wir keine großen Maschinen." Ein Hektar, so viel Rebfläche besitzt Ehses. Das ist recht wenig, aber er sagt, er könne gut davon leben. Von Juli bis Oktober betreibt er in seinem Innenhof eine Straußwirtschaft. Er vermietet ein Einzel- und drei Doppelzimmer an Touristen. Auf seiner Homepage steht, dass sich neben ihm auch Sonja, Maike und Miriam auf Kundschaft freuen. Seine Frau und seine Töchter. In den Edelstahlfässern vergären gerade 11 500 Liter Most, es blubbert, weil Gase entweichen. Ehses ist einer von vielen Winzern, die an der Mosel ihrem Geschäft nachgehen, ohne Präsenz auf dem großen Markt. Er konkurriert nicht mit Giganten wie Peter Mertes. Seine Zielgruppe ist eine andere.
Erik Schweickert, Professor für Weinwirtschaft an der Hochschule Geisenheim, erklärt: "Der Weinmarkt ist zweigeteilt." Auf der einen Seite gebe es große Produzenten wie Peter Mertes, deren Wein technisch einwandfrei, in großer Menge und zum kleinen Preis verfügbar sei.
Auf der anderen Seite stünden Winzer wie Peter Ehses: "Die machen hochwertigere Produkte, die mehr mit Geschichte und Persönlichkeit des Winzers zu tun haben." Von den Höhen und Tiefen des globalen Marktes ist Ehses kaum abhängig. Und doch profitiert auch er von einer kleiner werdenden Welt: Viele seiner Stammgäste sind Belgier, seine Homepage ist auf Deutsch, Englisch und Niederländisch abrufbar. In den vergangenen Jahren, sagt er, habe die Anzahl ausländischer Kunden zugenommen. Woran das liegt? "Ich glaube, das hat irgendwas mit der Weltordnung zu tun, vielleicht mit dem Terror in anderen Ländern. Die Menschen machen lieber kürzere Trips."Entscheidung vor dem Regal

Foto: iStock/Walter Bilotta. Foto: Walter Bilotta
Peter Ehses mit Ehefrau Sonja und Tochter Miriam vor dem Weingut in Zeltingen-Rachtig. Foto: (m_lalu )
Christoph Schneider leitet den Weineinkauf in Deutschlands größter Weinkellerei. TV-Fotos (3): Sebastian Gubernator. Foto: (m_lalu )


In Bernkastel-Kues läuft Christoph Schneider vorbei an übergroßen Edelstahltanks, die sich aneinanderreihen wie Bäume in einer Allee. Insgesamt fassen sie 50 Millionen Liter. Die Kellerei hat 350 Mitarbeiter, darunter sechs Marketingspezialisten. Der Kauf von Wein sei häufig ein Impulskauf, sagt Christina Barg, die Pressesprecherin von Peter Mertes. Der Verbraucher entscheide sich meist am Regal. Deshalb sei die Verpackung wichtig. Barg spricht von "storytelling" und "emotion-based branding", also von Etiketten, die eine Geschichte erzählen oder an bestimmte Gefühle des Kunden appellieren. So verkauft Peter Mertes einen Riesling auf dem chinesischen Markt in einer Flasche mit blauem Etikett samt Schriftzug "1888" in Gold.
Darunter steht etwas über das Jahr, in dem das Deutsche Reich drei Kaiser hatte: Die ersten beiden starben kurz nacheinander, der dritte kam im selben Jahr auf den Thron. Deutsche Geschichte in Kurzform.
Während sich in Bernkastel-Kues die weite Welt verdichtet, steht Peter Ehses in Zeltingen-Rachtig vor seinem Haus, von dem er stolz sagt, es stamme aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Uferallee rauschen Autos und Laster vorbei, weiter hinten ragt das erste Stück der Hochmoselbrücke aus den Weinbergen.
Die dazugehörige Strecke soll die Nordseehäfen mit dem Rhein-Main-Gebiet verbinden. Winzer haben den Bau der Brücke kritisiert, auch Michael Willkomm, einer der Geschäftsführer von Peter Mertes. Vor einigen Jahren bezeichnete er das Projekt in einem TV-Interview als problematisch für Weinbau und Tourismus.
Peter Ehses sieht das wiederum anders: Er hofft, dass seine Kunden durch die neue Verbindung schneller zu ihm kommen werden. Läuft alles nach Plan, wird die Brücke 2018 fertig sein - und die Welt noch ein bisschen näher zusammenbringen.

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