Die Kuh meines Onkels

BENGEL. (red) Von einem aufregenden Erlebnis mit einer trächtigen Kuh in der Küche seiner Großeltern berichtet Edgar Durchdewald, der heute in Manderscheid lebt.

Im Oktober 1949 zählte ich mal eben zwölf Jahre. Meine Familie war unlängst vom "Schwäbischen Unterland" in das untere Alfbachtal nach Bengel, dem Heimatdorf meiner lieben Mama "Gritchen" umgesiedelt. Das Wirtschaftswunder lag noch in weiter Ferne. Jedoch mein Onkel "Häns" war schon stolzer Besitzer einer Kuh und einer beachtlichen Schafherde, was ja bei seinem Familiennamen Schäfer nahe liegt. Die Kuh durfte ich nachmittags an der Leine auf die saftigen Auenwiesen zum Weiden führen. Die letzte Mahd war längst abgeerntet. Die feuchtgeschwängerte Luft des Spätherbstes legte sich demnach auf die letzten Grashalme. Nachdem die Kuh, die ein Kälbchen unter dem Herzen trug, den Pansen gefüllt hatte, machte ich mich mit ihr in der Abenddämmerung auf den Heimweg. Im großelterlichen Hofraum angekommen, ließ ich - verbotener Weise - die Kuh allein in ihren Stall trotten. Doch plötzlich stand sie, oh Schreck, mit den Vorderfüßen drei Stufen höher in dem sehr engen Flur des altehrwürdigen Bauernhauses meines Großvaters Johann! In diesem Moment trat meine Oma Anna aus der Wohnstube, eine Schüssel voll Kartoffelschalen vor sich haltend. Blitzschnell reagierte sie, indem sie der Kuh meines Onkels die Schalen vorhielt. Das war allerdings nicht sehr hilfreich, denn das Tier nützte natürlich den willkommenen Nachtisch und stand denn mit ganzer Fülle im Flur. Jetzt reagierte Oma richtig: Der Rückwärtsgang konnte nicht eingeschaltetet werden. Also ging es nur vorwärts in die winzige und total abgedunkelte Küche (direkt vor dem Fenster stand der Riesenklotz des Backes vom Nachbarn). Was tun? Meine Oma drehte, beruhigend auf das völlig geschockte Rindviech einredend, dieses um 180 Grad. Die Dielen auf der Falltür in den winzigen Kellerraum darunter, solch schwere Last nicht gewöhnt, drohten jeden Moment sich nach unten zu verabschieden. Während dieses Manövers der einmaligen Umdrehung ließ die Kuh ihren tierischen "Regungen" freien Lauf. Diese ergossen sich über ein Schränkchen, über den Spülstein, über die Ablage, über den Herd, über die dunkle Fensterbank, über den Küchenschrank und über die schmalen Stufen der Treppe, die in die oberen Gemächer führen. Nicht gerade beruhigend wirkten die aufgeregten Schreie meines nichts ahnenden Opas von oben herunter. Jedoch, und Gott sie Dank, fand das Ganze ein glückliches Ende! Im hohem Satz sprang die Kuh die drei Stufen hinab auf das alte Kopfsteinpflaster. Aber ein letzter Schreck befiel mich nochmals bei dem Gedanken einer etwaigen Frühgeburt des Kälbchens. Den strafenden Blick meines später heimkehrenden Onkels Häns werde ich lebtags nicht vergessen.

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