Die "öffentliche" Scherl-Debatte
Der Kulturausschuss empfiehlt dem Kulturamtsleiter, bis 2010 fünf Ausstellungen zu gewähren. Ortsempfehlungen gibt er keine. Vor diesem Beschluss wurde während der jüngsten Sitzung des Gremiums über Kunst und Befugnisse von Bürgermeister, Kulturamtsleiter, Ausschuss, Fraktionen und Menschenwürde geredet.
Wittlich. Zur Vorgeschichte: Es war einmal ein Vorschlag der CDU, mit fünf Ausstellungswünschen nebst Orten. Auf dessen Publikation hin folgt ein Brief aus Hannover. Ihn schickte der Testamentsvollstreckers des Meistermann-Nachlasses und Onkel des Kulturamtsleiters an Albert Klein, Meistermann-Förderkreis, alle Fraktionsvorsitzenden und den Bürgermeister. Darin wird Hanns Scherl, den die CDU für eine Ausstellung im Alten Rathaus vorgeschlagenen hatte, einer Nazivergangenheit bezichtigt. Vorschlagsrecht hat nur der Kulturamtsleiter
Weitere Briefe und Gespräche folgen, und die Stadtverwaltung verweist auf den Kulturausschuss, der über die Ausstellungsvorschläge zu entscheiden habe (der TV berichtete). DemKulturausschuss empfiehlt dann die Verwaltung in der Sitzungsvorlage bei den gewünschten Schauen zum Teil auf andere Orten als das Alte Rathaus auszuweichen. In der Sitzung selbst wird am Ende einer eineinhalbstündigen Debatte, die der Bürgermeister zunächst nur über Teile des Antrags "mit Ausnahme Scherl" beginnen will, auf Ortsangaben beim Beschluss gleich ganz verzichtet. Das hatte der Bürgermeister als Kompromiss geraten. Davor erfuhren nicht nur die gut zwei Dutzend Zuhörer, wer eigentlich für was in Sachen Kunst zuständig ist. Anlass des ungewöhnlichen Publikumsinteresses war wohl das Schreiben aus Hannover, dessen Folgen und die CDU-Wunschliste selbst, die als eine Art ungehöriger politischer Stimmungmacher kritisiert worden war. Die Antragsteller aber betonten, sie hätten einfach vorschlagen wollen, "bekannte und geachtete Künstler" einmal auch im Alten Rathaus zu zeigen. Dazu stellte der Bürgermeister nach einem Exkurs über "die Menschenwürde" grundsätzlich klar, dass das Vorschlagsrecht für Ausstellungen im Alten Rathaus exklusiv beim Kulturamtsleiter liege, nicht bei Kommunalpolitikern oder Ausschussmitgliedern. Zuvor stellte er Definitionen moderner Kunst vor, um zu konstatieren: "Ich kann Ihnen nicht sagen, was moderne Kunst ist." Das zu beurteilen habe der Stadtrat dem Kulturamtsleiter den Auftrag gegeben, dem pflichteten denn auch Grüne und mehrfach die SPD bei. Von dieser Fraktion kam dennoch die Bitte, das Ausstellungskonzept zu erläutern. Justinus Calleen erklärte, dass es drei Ausstellungen im Jahr, mit Fotografie, mit Künstlern der Region mit überregionalem Kontext und eine Schau zeitgenössischer Kunst im nationalen, womöglich internationalen Rahmen gebe. Auf den Vorwurf seitens FWG und CDU, er sei "Spiritus Rektor" des Schreibens aus Hannover und hätte sich besser inhaltlich mit Scherl auseinandergesetzt, als ihn persönlich anzugreifen, ging der Kulturamtsleiter nicht ein.Unpassend für das Ausstellungskonzept
Er bat um Verständnis, dass er sich nicht äußern wolle, da er Drohanrufe und einen Drohbrief erhalten habe. Warum Scherl in seine Konzeption nicht hineinpasse, darauf habe er mehrfach hingewiesen. Da man dessen Kunst auch "schlecht abschrauben" könne, denke er, der Vorschlag, sie an ihren Standorten zu zeigen, sei "die beste Lösung". Albert Klein erklärte, diese Idee habe VHS-Leiter Walter Feltes gehabt. Das Thema sei für die CDU "längst erledigt gewesen. Dann kam die Geschichte auf." Er finde "diese Diffamierungskampagne auch sehr schädlich". Nach dem Beschluss entschuldigte sich der Bürgermeister für die Stadt bei der Familie Scherl. Das letzte Wort hatte aber Hanns Scherls Tochter, Marianne Baumüller-Scherl, die im Publikum saß: Sie erwarte eine öffentliche Entschuldigung von Herrn Calleen. Meinung Ratlosigkeit beim Thema Kunst Es ist wohl so: Der Bürgermeister versteht nichts von moderner Kunst, und jeder hat dazu eine andere Meinung. Darum entscheidet allein ein Profi, der Kulturamtsleiter, was im Alten Rathaus gezeigt wird. Dass das so ist, weiß nicht jeder Stadtrat, aber manches Kulturausschussmitglied. Trotzdem trifft sich ein anderes Gremium, wer genau, weiß man nicht, dem der Leiter der Volkshochschule Ratschläge gibt. Letztendlich darf der Ausschuss aber Ausstellungen ohne Ort theoretisch vorschlagen, obwohl keiner in die Freiheit der Kunst eingreifen darf, weil solche Vorschläge ja ein politisches Vorgehen sind. Die öffentliche Debatte wird als schädlich empfunden, allerdings nicht von der betroffenen Familie. Über Hintergründe des Briefs aus Hannover mit ihren Angriffen wird geschwiegen. Wenn die Kompetenzen sind wie geschildert, war er überflüssig. Der Bürgermeister entschuldigt sich im Namen der Stadt bei der Familie: Wofür eigentlich? Die Debatte hat nicht zum guten Ruf der Kulturarbeit beigetragen. s.sü nnen@volksfreund.de