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Die Pfingsttaube – oder der Geist weht, wo er will

Glaube im Alltag : Die Pfingsttaube – oder der Geist weht, wo er will

Im Vergleich zu Weihnachten und Ostern sind an Pfingsten die Geschenke am geringsten. Obwohl Jesus den sich verlassen und verwaist fühlenden Jüngern ein besonderes Geschenk ankündigt, den Heiligen Geist.

Für die Jünger wird er bei dem Pfingstereignis nicht nur sichtbar, er treibt sie an, ihre neuen Erkenntnisse und Fähigkeiten direkt der erstaunten Öffentlichkeit zu verkünden. Für uns normal Sterbliche ist er oft wenig greifbar, er lässt sich nicht festhalten, beschwören oder digitalisieren. Zu allen Zeiten trieb Menschen das Problem um, diesen Geist greif-und spürbar zu machen oder sich von ihm finden zu lassen. Vor allem im Barock versuchte man den Geist in Form der Taube nahezubringen, die nach der Taufgeschichte bei Lukas in auf Jesus herabkommt und ihn als Sohn Gottes bestätigt. Um dieses Geschehen vorstellbar werden zu lassen, ließ man entweder lebendige Tauben in der Kirche herumfliegen oder man ließ eine hölzerne Taube aus einer Öffnung in der Decke, dem „Heiligen-Geist-Loch“, herunter.

Einem sizilianischen Pfarrer war das nicht eindrucksvoll genug. Er versteckte eine dressierte weiße Taube hinter dem Altar. Der Küster sollte sie während des Evangeliums freilassen. Das Spannende war. Bei wem würde die Taube sich auf die Schulter setzen? Im Laufe der Zeit hatte sie sich den überheblichen Lehrer, den reichen geizigen Grafen und den korrupten Leiter des Armenhauses ausgesucht.

Anschließend hatte der Lehrer ein für alle Kinder verständliches Lehrbuch geschrieben, der Graf hatte eine neue Wasserleitung bauen lassen und der Armenhausleiter hatte dem Dorf einen neuen Dorf- und Spielplatz gespendet. Die Gaben, die der Heilige Geist der Gemeinde hinterlassen hatte, konnten sich sehen lassen. Nach einiger Zeit aber starb der Pfarrer, und sein Nachfolger, ein junger und solchen Bräuchen gegenüber skeptischer Mann, wollte diesen Brauch abschaffen. Dazu ließ er alle Türen und Fenster der Kirche öffnen in der Hoffnung,  die Taube verließe die Kirche. Gespannt warteten die Besucher. Doch die Taube ignorierte die offenen Fenster und Türen, flog drei Runden und ließ sich auf der Schulter des jungen Geistlichen nieder. Dem war das peinlich, aber seine neue Gemeinde war begeistert und applaudierte. So kann es gehen, wenn man dem Heiligen Geist zu wenig zutraut.

Was wäre, wenn die Taube sich auf unserer Schulter niederlassen würde? In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine richtungweisende Taube, die zeigt, wo Gottes Baustellen sind, wo Barmherzigkeit geschieht anstelle von Berechnung und wo die Heiterkeit des Glaubens die ständigen Sorgen, etwas zu verpassen in den Hintergrund drängt.