Die Schuhwichse mit dem Sprungdeckel kam aus Wittlich

Die Schuhwichse mit dem Sprungdeckel kam aus Wittlich

Dort, wo heute die Ermannstraße das "Wohnen am Kalkturm" möglich macht, lag einst die Chemische Fabrik Wittlich. Hier wurde Schuhcreme hergestellt. Die beiden jüdischen Besitzer des bekannten Unternehmen wurden im Holocaust ermordet.

Wittlich. Die "Chemische Fabrik Wittlich", 1909 von Salomon Ermann-Bach gegründet, gehörte über viele Jahre zu den erfolgreichsten und bekanntesten Industrieunternehmen der Stadt Wittlich. Heute erinnert die "Ermannstraße" im ehemaligen Firmengelände an der Kalkturmstraße an die früheren Besitzer Alfred und Otto Ermann. Beide hatten die "Wichsfabrik", wie die Wittlicher die Firma nannten, zu einem über Deutschland hinaus bekannten Unternehmen gemacht - beide wurden im Holocaust ermordet.Heimat- geschichte(n)


Ralph Erman, der älteste Sohn von Alfred Ermann und seiner Frau Sybilla von Amerongen, erinnert sich noch gut an den ersten Chefchemiker Finke, der nach Verlassen der Firma einen eigenen Betrieb in Wittlich gründete. Mit der Anstellung von Dr. Alfred Lachs im Jahr 1932 konnte die Produktpalette erheblich erweitertet werden. Der aus Hochkirchen (Kreis Düren) stammende Dr. Lachs erwies sich als Glücksgriff für die "Ermin", da er ein ausgewiesener Fachmann für chemische Reinigungsmittel und zudem ein sehr innovativer chemischer Tüftler war.
Im Alter von 25 Jahren hatte er an der Universität Bonn sein Doktorexamen mit einer Arbeit zu Halochromie ("Salzfarbigkeit") bestanden und als Betriebsleiter in der renommierten Firma Loewenthal und co. in Köln gearbeitet. Bei der Wittlicher "Ermin" konnte der junge Chemiker sich weiterentwickeln, weil die beiden Firmeninhaber ihrem Chefchemiker weitgehend freie Hand bei der Entwicklung neuer Produkte ließen. Das Sortiment umfasste Fußbodenpflegemittel ebenso wie Fleckenwasser und den Metallputz "Erbol", aber auch Lederfette und handgezogene Kerzen. Ermin-Produkte wurden auch im benachbarten Ausland in eigenen Filialen angeboten, so etwa in Luxemburg-Stadt in der Bahnhofs-avenue.
Die drei älteren Söhne des Fabrikanten Alfred Ermann erlebten das weitläufige Firmengelände als einen großen Abenteuerspielplatz. Richtig spannend wurde es, wenn Dr. Lachs sie mit ins Labor nahm, es richtig puffen und krachen ließ und "Wunderlichter" zauberte. Als die "Chemische Fabrik Wittlich" im Zuge der "Arisierung" zwei Parteigenossen überschrieben werden musste, emigrierte Dr. Lachs mit seiner Familie nach New York. Alfred Ermann stellte am 1. Juli 1936 seinem verdienten Mitarbeiter ein Arbeitszeugnis aus, in dem es hieß: "Dr. Lachs leitete selbständig unseren chemischen und technischen Betrieb. Er arbeitete die Rezepturen aus, leitete das Laboratorium, beaufsichtigte und führte das Fabrikpersonal. Wir haben Herrn Lachs als fleißigen, ehrlichen, tüchtigen und erstklassigen Fachmann kennengelernt, der es verstand, durch Umsicht und Tatkraft unseren Betrieb auf der Höhe zu halten und den guten Ruf unserer Fabrikate zu sichern."
In den USA herrschte, wie Dr. Lachs später schrieb, "weitgehend wirtschaftliche Depression". Als Laboratoriumsgehilfe musste er seine Familie und die Schwiegereltern über Wasser halten. Irma Lachs, die aus dem Essener Teppich- und Gardinengeschäft Silber stammte und bis zu ihrer Heirat 1931 als Aquisiteurin für verschiedene Geschäfte dieser Branche im Ruhrgebiet gearbeitet hatte, ermutigte ihren Mann, Autopoliermittel herzustellen. Sie selbst verkaufte die Produkte gezielt an New Yorker Taxiunternehmen. Ralph Erman, der wie seine Brüder den Holocaust in den Niederlanden überlebt hatte, erhielt durch Vermittlung der Familie Lachs seine erste Anstellung in New York.
Schon in Wittlich hatten die Familien freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Der einzige Sohn der Familie Lachs, Gerd, war 1934 in Essen zur Welt gekommen und machte in den USA als Professor für Elektronik Karriere. Er starb 2011. Dr. Alfred Lachs war 1971 kurz vor seinem 70. Geburtstag in New York gestorben.Ehrenbürger als Erfinder

Foto: (m_wil )
Der Sprungdeckel. Wer hat's erfunden? Der Ehrenbürger Wilhelm Schrot. Foto: (m_wil )


Markus Berberich, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Freilichtmuseum Roscheider Hof, hat kürzlich dem Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" ein Ermin-Werbeplakat als Dauerleihgabe für die Ausstellung "Jüdisches Leben in Wittlich" überlassen, das früher im Schaufenster des Krämerladens ("Drogerie und Schuhe") der Geschwister Stolz in Großlittgen hing. Das farbige, doppelseitig bedruckte und leicht beschädigte Plakat im DIN-A-3-Format stammt aus dem Jahr 1932 und wirbt für die Ermin-Extra-Schuhcreme in der Sprungdeckel-Dose. In der Patentschrift vom 30. Juli 1932, ausgestellt vom Reichspatentamt München in Deutsch, Französisch und Englisch, ist zu lesen: "Die Erfindung besteht darin, daß der Dosendeckel und der Dosenunterteil nur durch eine Flachfeder von geringer Breite verbunden sind... Der Erfindungsgegenstand weist den bekannten Dosen gegenüber der Vorteil auf, daß der Benutzer sich beim Anheben des Deckels nicht die Finger beschmutzt, was selbst bei Dosen vorkommt, die mit einer der bekannten Öffnungsvorrichtungen, wie zum Beispiel mit einem am Dosenunterteil angelenkten Hebel oder Nocken, versehen sind."
Der Erfinder dieser Dose mit Sprungdeckel war der Wittlicher Schlossermeister und heutige Ehrenbürger Wilhelm Schrot, der auch die Konstruktionszeichnungen für die Patentschrift lieferte. Die von Berberich ebenfalls übergebene Sprungdeckeldose funktioniert noch einwandfrei. Vom früheren Inhalt sind nur noch wenige schwarze Reste zu erkennen.

Mehr von Volksfreund