Die üblichen Verdächtigen

BERNKASTEL-KUES/TRABEN-TRARBACH. Jugendliche aller Schulen haben sich aus freien Stücken zu einem Theater-Projekt zusammen gefunden, in dem sie sich mit dem Brennpunkt Traben-Trarbach auseinandersetzen und nun sogar "vor Gericht" gezogen sind.

Beschlossen und verkündet: Das Urteil über zwei Jugendliche ist gefällt. Dass sie bei einer Party nicht nur mit Drogen handelten, sondern auch Schläge austeilten, wird Folgen haben. Doch die Delinquenten nehmen das Urteil erstaunlich gelassen auf. Denn an der Verhandlung im Amtsgericht Bernkastel-Kues sind nur drei Figuren echt: Richter Oliver Emmer, Protokollführer Felix Assmann und ein Polizist. Die übrigen Akteure - Angeklagte, Verteidiger, Staatsanwalt und Zeugen - sind Traben-Trarbacher Schüler, die ihre Liebe fürs Theater, aber auch ihre soziale Sensibilität, hergeführt hat. Die Idee, sich an ein Stück zu wagen, dass eine Szene aufzeigt, in der Gleichaltrige sich täglich wiederfinden können, stammt nämlich von den Jugendlichen selbst. Die aufgezeichneten Episoden in eine Gerichtsverhandlung münden zu lassen, hat Emmer angeregt. Ein Freund habe das Stück als Beitrag zur Gewaltprävention angeregt, erzählt "Rechtsanwalt" Mehmet Günes, in Traben-Trarbach geborener Gymnasiast mit türkischen Wurzeln. Dieser Freund, "Staatsanwalt" Faredin Amedo, kennt den "sozialen Brennpunkt" Traben-Trarbach: "Man kriegt ja so mit, wie es da abgeht." Und als junger Mann, der in Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien, geboren wurde, sieht sich der Berufschüler mitten drin: "Wir sehen uns immer als die Verdächtigten." Wenn irgend etwas passiere, würden erst die "Ausländer" befragt, wählt er bewusst diesen Ausdruck. Vor diesem Hintergrund wuchs bei der Theater-AG der Mont-Royal-Hauptschule die Idee heran für das Projekt "SOS Traben-Trarbach - die üblichen Verdächtigen". Nach "Jesus Christ Superstar" wollten sie mal etwas anderes machen - "mehr so eine Reportage", erzählt Rosi Hans, die im Stück die zuschlagende Jugendliche mimt. Wie sehr sie mit "SOS" den Nerv Gleichaltriger treffen, wurde klar, als sich Jugendliche aller Schulen dem Projekt aus freien Stücken anschlossen. "Rechtanwältin" Julia Jakovleva ist zum Beispiel Realschülerin und macht demnächst ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei: "Von daher hat mir das geholfen." Christian Müller hat vor allem eines gelernt: "Dass Gewalt überhaupt nicht sein muss." Richter Emmer ist von der Motivation der Schüler beeindruckt. "Die sind hier bei bestem Sommerwetter nach der Schule angetreten", rechnet er den jungen Leuten hoch an. Andererseits habe das Engagement für den einen oder anderen ja vielleicht einmal die positive Nebenwirkung, sich in einer ähnlichen Situation bewusst zu sein, dass es keine Lösung ist, gewalttätig zu werden oder Drogen zu verkaufen. Vor allem habe es den Schülern gezeigt, "wie schnell so etwas gehen kann", weiß Carsten Augustin, Hauptschul-Konrektor und Leiter der Theater-AG. Die Motivation des Improvisationstheaters sei aber "klasse" gewesen. Zu Beginn des nächsten Schuljahres wird das Stück - also Tat und Verhandlung - in der Hauptschule aufgeführt, wofür Emmer seine Unterstützung zugesagt hat.

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