50 Grad nördliche Breite: : Die Vermessung der Stadt

Liegt Wittlich gar nicht wie bislang angenommen auf dem 50. Breitengrad? Daten von GPS-Geräten wecken Zweifel. Der TV geht der Sache auf den Grund.

Seit jeher rühmt sich die Stadt Wittlich mit ihrer geographischen Lage auf dem 50. Breitengrad. Vor 22 Jahren, sagt Albert Klein, Erster Beigeordneter der Stadt Wittlich, wurden zehn Markierungen in der Stadt angebracht, welche den Verlauf des 50. Breitengrades durch das Stadtgebiet markieren.

Eine davon findet sich neben einer Schautafel im Obersten Weinbergsweg auf dem Pichterberg im Norden der Stadt. Eine auf den Asphalt gepinselte weiße Linie soll dort den exakten Verlauf des 50. Breitengrades illustrieren.

Wie Klein allerdings zu Beginn der jüngsten Stadtratssitzung zum Erstaunen vieler Gremiumsmitglieder verkündete, könnten die ehemals vorgenommenen Messungen möglicherweise falsch sein. „Das habe ich von Leuten gehört, die dort mit GPS-Geräten unterwegs waren und das geprüft haben.“ Die im Stadtgebiet angebrachten Markierungen würden nicht mit den Daten übereinstimmen, sagt Klein, die GPS-Geräte dort anzeigen würden. Er bat deshalb die Verwaltung, diese Unstimmigkeiten zu prüfen.

Könnte also bei der Berechnung und Markierung im Wittlicher Stadtgebiet damals etwas schiefgelaufen sein? Liegt Wittlich nicht auf dem runden 50. Breitengrad?

1997 Zurück ins letzte Jahrtausend: 1997 regte der Eifelverein Wittlich an, den Richtungsverlauf des 50. Grades nördlicher Breite (landläufig 50. Breitengrad) auf irgendeine Art im Wittlicher Stadtgebiet sichtbar zu machen. Der Verein machte den Vorschlag, Pflastersteine in Fuß- , Rad- und Wirtschaftswegen einzulassen, die den Verlauf des Breitengrades symbolisieren sollen. Um die Kosten für die Stadt Wittlich in einem vertretbaren Rahmen zu halten, bot der Eifelverein seine tatkräftige Mithilfe zur Realisierung seiner Vorschläge an.

In einer ersten gemeinsamen Arbeit wurden unter Leitung des Heimatforschers und Vermessungstechnikers im Ruhestand, Willi Waxweiler, sowie der Mithilfe von Helfern des Eifelvereins Vermessungs- und vorläufige Markierungsarbeiten vorgenommen.

Voraussetzung für die Vermessungsarbeiten waren vermessungstechnische Berechnungen auf der Grundlage amtlicher Angaben und Unterlagen. Die Koordinatenwerte der entsprechenden Punkte auf dem 50. Breitengrad lieferte das Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz in Koblenz, Koordinaten der Grenzpunkte das Katasteramt Wittlich und das Kulturamt Bernkastel die erforderlichen Unterlagen innerhalb der Flurbereinigung Wittlich-West. Die Stadtverwaltung Wittlich hat auch Kartenmaterial bereitgestellt und damit die Arbeiten unterstützt.
Der Verlauf und die Koordinaten des 50. Breitengrades wurde also ehemals noch auf der Grundlage von Kartenmaterial berechnet.

2019 Ganze 22 Jahre später ist es für jeden Laien über die GPS-Funktion eines Smartphones ein Leichtes, bis auf wenige Meter genaue Koordinaten zu bestimmen. Wittlichs Landvermesser aus dem Jahr 1997, die Karten wälzen und komplizierte Berechnungen anstellen mussten, hatten es bei weitem nicht so leicht.
Wer sich heute mit einem Smartphone und einer entsprechenden App auf den Pichterberg begibt, wo auch eine Schautafel zum Verlauf des 50. Breitengrades durch die Säubrennerstadt installiert wurde, der stellt fest: Das Gerät zeigt dort nicht die erhofften 50 Grad, Null Minuten und Null Sekunden (50° 00′ 00″) an. Im Fall der TV-Recherche mit einer kostenlosen Smartphone-App zeigte das Smartphone dort bezüglich des nördlichen Breitengrades folgenden Wert an: 49 Grad, 59 Minuten und 56 Sekunden. Das liegt auf Grundlage der GPS-Daten zwar sehr nah am 50. Breitengrad, aber es fehlen vier Sekunden.

Die Smartphone-App verortet den 50. Breitengrad mehr als hundert Meter weiter in Richtung Plein und damit wesentlich nördlicher. Wer hat nun also recht? Die Vermessungstechniker der Landesbehörde, die ehemals die Koordinaten zur Verortung des 50. Breitengrades in Wittlich lieferten, oder moderne GPS-Geräte?

Lösung Willi Waxweiler ist felsenfest davon überzeugt, dass die Daten, die 1997 als Grundlage für die Markierungen dienten, „bis auf den Zentimeter genau stimmen“. Wie erklärt er sich dann die Differenzen zwischen den Ergebnissen, die moderne GPS-Geräte liefern, und den ehemals vorgenommenen Markierungen?

Der Vermessungstechniker im Ruhestand hat dafür folgende Erklärung: „Im Gegensatz zum amerikanischen GPS-System ist in Deutschland das Gauß-Krüger-Koordinatensystem die Grundlage zur Berechnung des Erdumfangs und von Koordinaten. Das amerikanische GPS-System beruht auf anderen Datengrundlagen. Aus diesen unterschiedlichen Berechnungsmethoden ergeben sich unterschiedliche Lagebestimmungen.“ Er habe bereits mehrfach gehört, dass Nutzer von GPS-Geräten an den Markierungen des 50. Breitengrades in Wittlich zweifeln. „Aber die stimmen bis auf den Millimeter genau“, sagt Waxweiler. Auf Grundlage der amtlichen Daten sei das völlig korrekt. Demnach können die Markierungen zum Verlauf des 50. Breitengrades – weil sie völlig korrekt sind – genau an den Stellen im Wittlicher Stadtgebiet bleiben, wo sie seit 1997 zu sehen sind.

 Eine Schautafel zum Verlauf des 50. Breitengrades auf dem Pichterberg in Wittlich.
Eine Schautafel zum Verlauf des 50. Breitengrades auf dem Pichterberg in Wittlich. Foto: Christian Moeris

Damit würden auch das Bungert Restaurant „50° Nord“ und das Wittlicher Unternehmen 50 NRTH, ehemals Clemens Hobbytec, ihre Namen zu Recht tragen.