Justiz : Die Wittlicher hinter Gittern

Was sind das für Menschen hinter den besonders gesicherten Mauern in der Trierer Landstraße in Wittlich? Was haben sie verbrochen? Und warum sitzen dort nur Mörder ihre Strafe ab, die ernsthaft erkrankt sind?

Knapp 600 der 20 000 Menschen, die in der Säubrennerstadt leben, führen ein Leben hinter besonders gesicherten Mauern. Nur Gefangene mit Freigang im offenen Vollzug oder solche Häftlinge, die in den Eigenbetrieben der JVA wie der Gärtnerei oder Schlosserei arbeiten, bekommen unter Umständen die Möglichkeit, ihre hoch gesicherte Wohnstätte in der Trierer Landstraße 64 mal unter Aufsicht zu verlassen.

Dabei müssen nicht wenige Häftlinge so viele Monate oder Jahre in Wittlich bleiben, dass sie zwangsweise Bürger der Säubrennerstadt werden – ob sie wollen oder nicht. Das sind vor allem Gefangene ohne festen Wohnsitz und Gefangene mit festem Wohnsitz, die länger als sechs Monate inhaftiert sind. 2019 wurden 228 Gefangene in Wittlich angemeldet,  2020 sind es bislang 185.

Doch zwischen den knapp 600 Inhaftierten und den freien Bürgern der Stadt gibt es bis auf wenige Ausnahmen, wie in der   Gärtnerei der JVA, keine Berührungspunkte.

Doch was sind das für Menschen hinter den Mauern in der JVA Wittlich? Was haben sie verbrochen und wie lange leben sie für gewöhnlich zwangsweise in Wittlich hinter Gittern?

Antworten darauf kennt Jörn Patzak, Leiter der JVA Wittlich.

Häftlinge Die JVA Wittlich sei im geschlossenen Vollzug grundsätzlich zuständig für erwachsene männliche Gefangene mit einer Freiheitsstrafe bis zu acht Jahren, erklärt Patzak. Bei der Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen, wie der Nichtbezahlung von Geldstrafen, sei die denkbar kürzeste Haftstrafe nach dem Strafgesetzbuch fünf Tage Freiheitsstrafe.

„Für Gefangene mit einer längeren Haftstrafe als acht Jahre, insbesondere die zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten, sowie in der Sicherungsverwahrung untergebrachte Straftäter, ist in Rheinland-Pfalz die JVA Diez zuständig“, erklärt der Wittlicher JVA-Chef. Eine Unterscheidung nach der Art des begangenen Delikts finde jedoch nicht statt, „so dass in der JVA Wittlich grundsätzlich Täter jeglicher Deliktart inhaftiert werden können“. Es gebe jedoch keine Statistik darüber, wegen welcher Straftat die Gefangenen in Wittlich einsäßen. Wie unter allen Inhaftierten im Land sei die Deliktgruppe „Diebstahl/Unterschlagung“ jeweils am stärksten vertreten, gefolgt von „Betäubungsmitteldelikten“ und „Betrug/Untreue“. Darauf folgen die Raub-, Körperverletzungs- sowie Sexualdelikte.

Werden denn in Wittlich keine Schwerverbrecher wie zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte Mörder inhaftiert?

Zeitweise sei das der Fall, sagt Patzak. Grund dafür sei unter anderem das 2010 neu erbaute Justizvollzugskrankenhaus mit 68 Betten. Denn das Hospital in der JVA ist zuständig für erkrankte weibliche und männliche Gefangene der Länder Rheinland-Pfalz und Saarland.

Bevor ein Gefangener oder „Langstrafengefangener“ aus anderen Gefängnissen in das JVA-Krankenhaus in Wittlich eingeliefert werde, kläre man zunächst die medizinischen Details zur Aufnahme ab.

„Sodann prüft der zuständige Vollzugsabteilungsleiter, ob von der oder dem Gefangenen eine besondere Gefährlichkeit oder Fluchtgefahr ausgeht. Wenn dem so ist, werden besondere Sicherungsmaßnahmen angeordnet. Anschließend erfolgt die Verlegung in das Justizvollzugskrankenhaus – gegebenenfalls mit unserem eigenen Krankentransportfahrzeug.“

Aber auch unter den Gefangenen mit Haftstrafen bis zu acht Jahren seien durchaus Straftäter mit schweren Gewaltverbrechen vertreten, erklärt Patzak. „Die Struktur der Gefangenen in der JVA Wittlich ist sehr heterogen. Wir haben es hier mit jeder Art von Mensch und Charakter zu tun. Das macht die Arbeit so interessant, aber auch herausfordernd.“

Gibt es denn in der JVA Wittlich, wie man es aus Film und Fernsehen kennt, auch Gefängnisgangs, die sich hinter Gittern organisiert haben? „Wir wissen über die grundsätzliche Problematik mit organisierten Gruppierungen im Justizvollzug, insbesondere beim Drogenhandel. Wir legen ein besonderes Augenmerk darauf, solche Strukturen zu erkennen und gegebenenfalls frühzeitig zu zerschlagen. Zurzeit liegen keine Erkenntnisse über vorhandene ‚Gang- oder Clanstrukturen’ in der JVA Wittlich vor.“

Vielleicht braucht die Organisation von Clans und Gangs auch Zeit. Die durchschnittliche Verweildauer der Gefangenen in der JVA Wittlich im Jahr 2019 betrug 164 Tage.

20 Gefangene wurden 2019 auf Anordnung des Landgerichts Trier in Wittlich vorzeitig entlassen, und 30 Gefangenen wurde durch Entscheidung der Staatsanwaltschaft eine Begnadigung im Wege der sogenannten Weihnachtsamnestie gewährt. Eine solche ist möglich, wenn die reguläre Haftentlassung ohnehin im Zeitraum kurz vor oder nach Weihnachten stattgefunden hätte.

In der JVA Wittlich sind derzeit 522 Gefangene inhaftiert, 470 im geschlossenen Vollzug, 29 im offenen Vollzug und 23 im Justizvollzugskrankenhaus. Hinzu kommen Gefangene der Jugendstrafanstalt.

Flucht Der letzte erfolgreiche Ausbruch fand im Jahr 2000 im alten Teil der JVA statt. Dem Gefangenen war es gelungen, die nicht nach heutigem Standard gesicherte Außenmauer zu überwinden. Seit Bezug des Neubaus im Jahr 2010 kam es zu wenigen gelegentlichen Ereignissen, die als „Fluchtversuch“ aus dem geschlossenen Vollzug bezeichnet werden können.

Gefangene kletterten bei drei Gelegenheiten, zuletzt 2018, jeweils über einen Zaun im Inneren der Anstalt, konnten jedoch vom beaufsichtigenden Personal umgehend gestellt werden, ohne nur in die Nähe der besonders gesicherten Außenmauer gelangt zu sein.