Die Zwei-Gewinner-Spiele

WITTLICH. Über Wittlichs Stadtentwicklung diskutiert am Donnerstag der Stadtrat. Dr. Manfred Sliwka hielt jetzt einen Vortrag in Wien über Stadtentwicklung und Werte. Der TV hat den Fachmann aus der Heimat jetzt zum Thema befragt.

Bei einer Spontan-Umfrage "Welches Beispiel fällt Ihnen zum Thema Werte ein?", habe ich verunsicherte Blicke gesehen, aber keine Antworten gehört. Jetzt frage ich den Profi: Welcher Wert würde Ihnen denn als erster einfallen? Manfred Sliwka:Verantwortung. Für eine Aufgabe oder einen Bereich Verantwortung übernehmen und diese konsequent erfüllen.Bitte klären Sie uns auf, wie definieren Sie Werte? Sliwka: Werte sind ordnende Ideen und Normen unseres Verhaltens.Werte in der Gesellschaft: Warum scheinen sie eine Nebenrolle zu spielen? Sliwka: Weil kaum noch zentrale Wertegeber anerkannt werden, wie etwa die Religion.Sie haben jetzt einen Vortrag mit dem Titel: "Das Fundament jeder Stadtentwicklung: Werte in der Gesellschaft" gehalten. Wie kam es zu dieser Thematik?Sliwka: Bei der Städtekonferenz 2003 in Wien haben Vertreter, vor allem der Städte Budapest, Bratislava, Prag und Wien, darüber nachgedacht, wie sich diese Städte im Rahmen der Osterweiterung entwickeln können und sollten. Den Organisatoren dieser Konferenz war von Anfang an klar, dass Stadtentwicklung nicht nur eine Wirtschafts- oder Verkehrsfrage ist, sondern auf Wertvorstellungen aufbauen muss, die in der Gesellschaft herrschen. Da ich zu diesem Thema einiges veröffentlicht habe, hat man mich gebeten, diesen Vortrag zu halten.Fundament klingt fundamental. Was haben wir "moderne Menschen" vergessen, was uns existenziellen Halt geben sollte? Sliwka: Wir haben vieles vergessen, was uns existenziellen Halt geben kann, zum Beispiel die "Eigenverantwortung". Eher fordern wir, statt dass wir etwas fördern. Oder: "Herausforderungen kreativ zu meistern". Man braucht sich doch nur Diskussionen in der gegenwärtigen Politik der Bundesrepublik anzuschauen. Es darf nichts verändert werden. Nichts geht mehr. Oder auch die Glaubensfrage: Die "Ahnung und Achtung vor Ursprung, Ziel und Sinn des Seins". Wir denken nur noch in Geld oder Freizeit und fragen uns nicht mehr nach dem Sinn des Lebens.Bitte zeigen Sie an einem einfachen Beispiel die für den Laien zunächst rätselhafte Verbindung Stadtentwicklung und Werte. Sliwka: Das ist zum Beispiel der Wert des "Gemeinsinns". Ohne dass Menschen in einer Stadt bereit sind, in Ehrenämtern, in Vereinen Verantwortung für Entwicklungsprozesse zu übernehmen, kann Stadtentwicklung nicht funktionieren. Wir erwarten immer, dass alles von oben geregelt wird.Haben Sie eine Art Wertekatalog? Sliwka: Ja, es gibt einen Wertekatalog, von dem ich in meiner ganzen Arbeit ausgehe. Das sind sieben Kernwerte: 1. Verantwortung und Eigenverantwortung.2. Herausforderungen kreativ zu meistern.3. Offene und ehrliche Kommunikation.4. Kooperation: Zwei-Gewinner-Spiele.5. Den Schwachen helfen.6. Ressourcen schonen und schützen.7. Ahnung und Achtung vor Ursprung, Sinn und Ziel des Seins: Glaube. Wenn Sie an Wittlich und das Thema Stadtentwicklung denken, was fällt Ihnen dazu spontan ein? Sliwka: Ich glaube, es wird immer noch zu viel an Nullsummen-Spiele gedacht, wie die Spieltheoretiker es nennen: Der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen. Aber gute Stadtentwicklung müsste ein Mehr-Gewinner-Spiel sein. Bei einer hervorragenden Kooperation gewinnen alle.In Wittlich ist Stadtentwicklung ja derzeit sehr aktuell. Welche Werte sind hier besonders zu beachten? Sliwka: Die Kernwerte sind Kommunikation und Kooperation. Es geht um das Nutzenbieten. Je höher das Nutzenbiet-Niveau einer Stadt insgesamt für ihre Besucher, ihre Gäste und natürlich ihre Bürger sich entwickelt, um so besser entwickelt sich die Stadt.Ein großer Wert ist die "Familie", vielleicht als Oberbegriff. Wie würden Sie ihn charakterisieren? Sliwka: Die Familie ist die fundamentalste Verantwortungseinheit, die man sich denken kann. Wenn der Wert der Familie nicht mehr erkannt wird, dann geht alles vor die Hunde. Familien können ihre Verantwortung für die Werte-Entwicklung ihrer Kinder nicht an die Schulen delegieren. Es muss mit den Kindern in der Familie über Werte gesprochen und in der Familie gelebt werden, damit ihr Leben gelingt.Wie prägt Familie Entwicklungen? Sliwka: Das ist im Kern eine Frage der Kindererziehung. Wenn man Kinder nicht mehr zur Leistung animiert, ihnen alle Probleme abnimmt und auch den Wert des Umgangs mit der Ressource Geld nicht mehr vermittelt, dann gibt man ihnen nichts, wie die Erziehungswissenschaftlerin Christa Mewes einmal sagte, sondern man nimmt ihnen alles. Nämlich eigenen Biss und eigene Erfolgserlebnisse, die Fähigkeit, ihr Leben eigenverantwortlich zu meistern.Was würden Sie gerne Stadtplanern, Verkehrsämtern oder Architekten mit auf den Weg geben? Sliwka: Darüber wurde in Wien diskutiert. Es muss in der Verkehrsplanung die Mitte gefunden werden zwischen der guten Erreichbarkeit mit unseren Verkehrsmitteln und der Lebensqualität. Auch das kann ein Zwei-Gewinner-Spiel sein. Von Übel ist immer, wenn einer der Faktoren in der Stadt dominant wird.Wissen Sie ein Beispiel für eine gelungene Verbindung Stadtentwicklung und Werten? Sliwka: Da kann ich ein sehr konkretes Beispiel aus meiner Arbeit nennen. Ich moderiere zur Zeit den Stadtentwicklungsprozess der Hansestadt Lübeck. Dazu habe ich vorher die in Lübeck traditionellen Wertesysteme der alten Hanse erarbeitet und einen Aufsatz von Thomas Mann aus dem Jahre von 1927 zugrunde gelegt "Lübeck als geistige Lebensform". Man kann keine Stadt entwickeln, ohne ihre historische Vergangenheit, ihre geistigen Wurzeln zu kennen. Und dabei stellt sich plötzlich heraus, wie viel "Schätze" an Werten man dabei oft entdecken kann. Hier eine wörtliche Formulierung aus den alten Hanseregeln: "Bei allen Streitigkeiten und Querelen gilt: Das Bewusstsein von dem überlegenen Wert der Zusammengehörigkeit und des gemeinschaftlichen Handelns blieb vorherrschend". Oder ein Satz von Thomas Mann: "Das Ethische, der Sinn für Lebenspflicht ohne den überhaupt der Trieb zur Leistung zum produktiven Beitrag an das Leben und an die Entwicklung fehlt".Stadtplanung und Entwicklung, das klingt nach materiellen Prozessen. Übertrieben formuliert: Wie wichtig ist die geistige Haltung hinter Beton und Bitumen? Sliwka: Das ist die wichtigste Frage Frau Sünnen und wunderbar formuliert. Nur materiell gedacht ohne geistige Wurzeln und Grundlage - nur in Beton und Bitumen - können Stadtentwicklungsprozesse sogar das Gegenteil bewirken. Die Stadt verliert ihre Seele um des wirtschaftlichen Erfolges Willen. Meine ganze Arbeit in der Förderung von Entwicklungsprozessen von Unternehmen und Führungspersönlichkeiten und eben auch Städten beruht auf dem Grundgedanken: Wir leben in drei Welten: Werte - Wissen - Wirken. Aber der Anfang jedes Entwicklungsprozesses für einen Menschen, für ein Unternehmen oder auch für eine Stadt beginnt mit der Frage nach dem Wertesystem. Und wenn das stimmt, ist Entwicklung leichter und führt zu besseren Ergebnissen.Wo sehen Sie Chancen für Wittlichs Zukunft? Sliwka: In Wien wurde über die großen Magistralen gesprochen, die wichtigen europäischen Straßenverbindungen. Dazu gehört auch die Autobahn A 60/B 50 neu. Sie ist für Wittlich äußerst zukunftsrelevant. Ökologie und Ökonomie müssen kein Widerspruch sein, wenn man nicht ideologisch denkt. Die Frage lautet doch: Wie können wir für diese Region unsere Identität, unsere Kultur und die schöne Natur bewahren und trotzdem unsere Wirtschaft weiterentwickeln? Ideologie beginnt immer da, wo man die Fakten nicht mehr wahrhaben will. Die Emissionen der Autos, die runter ins Moseltal fahren müssen und wieder herauf, sind doch messbar viel größer als bei der Fahrt über die Hochbrücke. Hinzu kommt die geschädigte Lebensqualität der Menschen in den Dörfern, durch die diese Autos fahren müssen. Man sollte für diese Autobahn Ausgleichsflächen fordern so viel man will - das würde ich immer unterstützen. Natur muss erhalten werden. In dem "Club of Vienna", in den ich berufen worden bin, geht es ja genau um die Frage: Wie kann man Wirtschaftswachstum mit Lebensqualität und Schonung der ökologischen Ressourcen verbinden? Ein "Zwei-Gewinner-Spiel" ist zum Beispiel auch das "Himmeroder Forum für Führungskräfte", durch dessen Einnahmen Kulturaktivitäten und die Weiterbildung von Führungskräften der Unternehmen dieser Region gefördert werden.Die Fragen stellte Redakteurin Sonja Sünnen