Diplomatie auf italienisch

WITTLICH. Italien: Lieblingsland nicht nur der Deutschen mit Fernweh. Umgekehrt zieht es Menschen aus dem Land, wo die Zitronen blüh'n nach Deutschland. Heute treffen sich die beiden Nationen auf dem WM-Fußballplatz. Und die Spannung steigt – auch in Wittlich.

"Wir leben in Deutschland, und es ist doch nur ein Spiel", sagt die Italienerin. Sie will anonym bleiben, vielleicht weil sie viele "Azzurri"-Verehrer kennt? Jedenfalls ist bei der Umfrage am Tag vor dem Halbfinalspiel ihre Haltung sehr gelassen: "Das ist ein Ball und viele verrückte Männer, die laufen. Natürlich schaue ich mir das Spiel an, aber ich werde dabei bügeln oder Maniküre machen." Außerdem hofft sie, dass bei all der Leidenschaft und Aufregung fürs Spiel ihre Landsmänner von Herzinfarkten verschont bleiben mögen: "Egal wie es ausgeht, das Leben geht weiter. Aber die Italiener oder die Deutschen werden sich freuen und dann wieder Korso fahren." Fahnenschwenkend im offenen Wagen kann man sich Pompeo Livan vom Eiscafé in der Wittlicher Burgstraße schwer vorstellen. Am Vortag des Spiels strahlt er eine heitere Gelassenheit aus und übt sich in der Kunst der Diplomatie: "Das Spiel? Natürlich schaue ich es an. Wer ins Finale kommt? Das weiß ich morgen! Wer besser spielt, der wird gewinnen." Wünschen will er sich lieber nichts. - Nur, dass es ein spannendes, faires Spiel ohne Gewalt sein werde. Sein Sohn Osvaldo Livan ist ebenso zurückhaltend: "Wer gewinnt? Gute Frage. Vielleicht Italien? Aber - alles kann passieren." Mit ruhiger Hand dekoriert er derweil Spaghetti-Eis. Ob er denn beim Anpfiff auch so entspannt sein wird? Er zuckt mit den Schultern. "Ja, ja ,ja!", ruft da aber sein Vater: "Er ist aufgeregt! Der trommelt dann die ganze Zeit mit den Fingern!" Und der Senior hat doch noch einen konkreten Tipp: "Das erste Tor wird in den ersten fünf, sechs Minuten fallen, doch, doch!" Wer es schießt, das lässt er offen. Aber was hat Osvaldo Livan kurz zuvor gesagt?: "Eine Chance hat Italien auf jeden Fall. Totti ist gut, und Cannavaro ist super gut." Francesco Totti gefällt auch Simona Toma vom Eiscafé Primavera. Sie sagt: "Ich wünsche mir, dass Italien gewinnt. Vielleicht 2:1. Aber die WM ist ja in Deutschland, deshalb könnte auch diese Mannschaft siegen. Das wäre eigentlich normal." Vor der Eisdiele will man heute einen Flachbildschirm aufstellen. Bislang hat man die Spiele nur auf einem kleinen tragbaren Gerät beobachten können. Dann wird Simona Toma während der Arbeit wohl besonders ein Auge auf Totti haben. Dennoch, ihr absoluter Liebling ist ein anderer: "Ich mag sehr die Brasilianer: Ronaldinho is the best! Aber trotzdem bin ich jetzt für Italien." Für das Traum-Halbfinale darf auch im Restaurant Da Luigi die große Leinwand nicht fehlen. Alessio Pagan hat Erfahrung: "Schon zehn Mal habe ich eine Weltmeisterschaft gesehen! Auch jetzt habe ich mir alle Spiele angeschaut. Ich bin seit 40 Jahren in Deutschland und denke, die Chancen stehen 50 Prozent für jeden." Ihm ist aufgefallen, dass sich die deutsche Mannschaft "sehr, sehr gesteigert hat", aber was das nun für die Halbfinal-Begegnung heißen wird? Alessio Pagan sagt: "Ach, da entscheidet auch das Glück. Beide Mannschaften sind gut. Ich kann nur sagen, die verdienen alle das Finale. Aber das ist ja nicht möglich."

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