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Dorf altert für Film um 160 Jahre

Dorf altert für Film um 160 Jahre

Der Großteil der Dreharbeiten zum neuen Film von Edgar Reitz "Die andere Heimat" findet in Gehlweiler in der Verbandsgemeinde Kirchberg statt. Der Ort wird dafür ab Januar umgestaltet. Die Bürger haben dem Regisseur bei einer Einwohnerversammlung ihre Unterstützung zugesichert.

Gehlweiler/Morbach. Gehlweiler ist ein beschaulicher Ort mit 240 Einwohnern im romantischen Simmerbachtal. Teile der Kulissen des Films "Heimat" von Edgar Reitz befinden sich dort. Für sein neues Projekt "Die andere Heimat" will der aus Morbach stammende Regisseur Edgar Reitz großteils in Gehlweiler drehen.
35 der 70 avisierten Drehtage zwischen Ostern und Juli 2012 sollen in dem Dorf in der Verbandsgemeinde Kirchberg stattfinden. Die andere Hälfte wird über zahlreiche weitere Orte im Hunsrück und an der Mosel verteilt sein.
Doch wird das Projekt von den Bürgern in Gehlweiler unterstützt und kann tatsächlich dort gedreht werden? Um dies herauszufinden, haben Edgar Reitz und sein Sohn Christian Reitz, der den Film produziert, Details des neuen Films bei einer Einwohnerversammlung vorgestellt.Hunsrücker in Amerika


"Die andere Heimat" spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts in dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach, das bereits Schauplatz des ersten Teils der Trilogie "Heimat" gewesen war. Aus Schabbach wandern in dieser Zeit viele Menschen nach Brasilien und Amerika aus. Die Ausgewanderten sind in ihrer neuen Heimat auf einmal umgeben von lauter fremdländischen Gesichtern - so wie es in der heutigen Zeit bei den Einwanderern in Deutschland der Fall ist. Reitz: "Dadurch ist es auch zu einem modernen Thema geworden."
Während der Präsentation ist dem 79-jährigen Regisseur anzusehen, wie er für sein Projekt brennt. Im Gegensatz zu der Trilogie "Heimat" wird "Die andere Heimat" keine Fernsehserie sein, sondern ein zweieinhalb Stunden langer Kinofilm. "Das Erlebnis der großen Leinwand geht über das Fernsehen hinaus", sagte Reitz. Zuerst wird der Film ein Jahr lang in deutschen und französischen Kinos gezeigt. Anschließend soll er dann auch im Fernsehen zu sehen sein.
Die Hauptrollen werden Anfang Dezember mit ausgebildeten Schauspielern besetzt. Die Auswahl der Akteure für die Nebenrollen, für die sich auch Laienschauspieler bewerben können, läuft bereits.
Für die Dreharbeiten wird Gehlweiler ab Januar 2012 umgestaltet. Fassaden, wie sie um 1850 üblich waren, werden vor die Häuser gesetzt. Die asphaltierte Dorfstraße wird mit einem Gemisch aus Sand und Lehm bedeckt. Die Straße bleibe dabei für die Bewohner benutzbar, sagte Produzent Christian Reitz. Lediglich für Traktoren und Lastwagen muss während der Dreharbeiten eine Umleitung ausgeschildert werden.
Einzelne Besucher der Einwohnerversammlung fragten nach Details während der Drehtage. Wie erfährt man, an welchen Tagen gedreht wird? Wo kann die Müllabfuhr fahren, wie wird der Durchgangsverkehr umgeleitet, wann muss für die Dreharbeiten Ruhe herrschen? "Wir werden für alle Probleme nach Lösungen suchen", versicherte Christian Reitz. Er hat den Bürgern in Aussicht gestellt, Projekte der Gemeinde als Ausgleich für Unannehmlichkeiten während der Dreharbeiten zu unterstützen. Einer Bürgerin wurde die Diskussion um die Details während der Zeit der Dreharbeiten zu viel. "Wir sollten stattdessen schätzen, dass ein großer Filmemacher hierher kommt und sich mit unserer Geschichte befasst. Mich rührt das", sagte sie.
Diese Auffassung wurde von den Anwesenden mit viel Applaus bedacht. Bei einer Abstimmung begrüßten alle 45 anwesenden Bürger das Vorhaben.
Einen ausführlichen Bericht über das Film-Projekt lesen Sie in unserer Wochenendbeilage am Samstag.Extra

Im Zentrum des Films "Die andere Heimat" steht die Familie Simon, die im Hunsrück in der Mitte des 19. Jahrhunderts lebt, zu einer Zeit, als viele Menschen auswanderten. Der Vater ist Schmied, die Mutter unterstützt ihn bei der zusätzlichen Landwirtschaft. Von den neun Kindern sind sechs an Hunger und Krankheit gestorben. Im gleichen Haus leben noch die Oma und der unverheiratete Onkel, der als Knecht bei der Landwirtschaft hilft. Die Hauptfigur des Films ist Jakob, der jüngere Sohn der Familie, der sich vom Dorfpfarrer Bücher geben lässt und deswegen von seinem Vater verprügelt wird. "Wer liest, ist ein Faulenzer", zitiert Edgar Reitz den Vater aus seinem Drehbuch, an dem er vier Jahre gearbeitet hat. cstExtra

Wer beherrscht altes Handwerk? Edgar Reitz und sein Team suchen für die Dreharbeiten landwirtschaftliche Geräte, Haushaltsgegenstände oder Kleider aus der Zeit um 1850. Darüber hinaus werden Menschen gesucht, die traditionelles Handwerk aus dieser Epoche beherrschen. Wer das Filmteam unterstützen möchte, soll sich bei Ernst Hamann unter Telefon 0151/44012981 melden. cst

Drei Fragen an ...... Regisseur Edgar Reitz

Welche Rolle wird das Café Heimat in Zusammenhang mit Ihrem Film spielen?
Reitz:Wenn es bis zum Beginn der Dreharbeiten fertiggestellt ist, dann wäre das ein toller Einstand für das Café Heimat. Wir suchen noch einen Ort für die Pressegespräche. Diese könnten in Morbach stattfinden. Werden auch in Morbach Szenen für "Die andere Heimat" gedreht? Reitz: Einige große Szenen spielen in der Burgruine Baldenau bei Hundheim. Das Thema beschäftigt Sie seit mehr als 30 Jahren. Warum ist es so wichtig? Reitz: Weil es viel mit meinem Leben zu tun hat. Das Thema Heimat hat mich persönlich so beschäftigt, dass es zum Thema werden musste. Der Hunsrück wird wieder mehr und mehr zu meiner Heimat, weil er Schauplatz meiner Arbeit ist. Der Wohnort ist oft unverbindlich, der Arbeitsort ist wichtiger. cst