1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Dreiser Sternekoch Thieltges gestorben: „Großer Verlust für die Region“

Dreiser Sternekoch Thieltges gestorben: „Großer Verlust für die Region“

Der unerwartete Tod von Sternekoch Helmut Thieltges hat viele Menschen betroffen gemacht. Geschätzt wurde er als genialer Küchenchef und als Mensch, der trotz seines Erfolgs bodenständig und geradlinig blieb.

Er war einer der Größten seines Fachs. Wenn nicht der Größte. Und dennoch blieb er bescheiden, ohne Starallüren und konzentrierte sich auf seine Arbeit, die darin bestand, beste Lebensmittel in ein Geschmackserlebnis zu verwandeln, das seine Gäste nie mehr vergessen würden.

Viele Menschen aus der Region Trier, Köche und Gourmets aus aller Welt trauern um Spitzenkoch Helmut Thieltges, der in der Nacht zum Mittwoch im Alter von nur 61 Jahren nach einer schweren Krankheit  gestorben ist.

Jahr für Jahr bestätigten die Restaurantführer Thieltges aufs Neue, dass seine Kreationen der Gipfel der klassischen Kochkunst sind: Der Gault&Millau bewertete das "Sonnora" mit 19.5 Punkten - mehr bekam kein anderes Spitzenrestaurant. Der erste Stern des Guide Michelin erstrahlte 1982 über dem idyllisch gelegenen Waldhotel bei Dreis in der Eifel. Seit 1999 sind es regelmäßig drei Sterne. Mehr Anerkennung kann sich kein Koch wünschen. "Trotzdem ist er normal und bodenständig geblieben. Keine Arroganz, nix", sagt ein befreundeter Koch aus dem Hochwald, den die Nachricht schwer getroffen hat. Viele seiner Berufskollegen trauern. Unter ihnen der Trierer Sternekoch Wolfgang Becker, der Thieltges sehr schätzte. "Er war kein Schaumschläger. Ein ehrlicher Typ. So wie man die Eifeler kennt: zurückhaltend, geradeheraus, immer ein offenes Wort", sagt Becker.

Auch, wenn es um das Besondere an Thieltges Kochkunst geht, sind sich die beiden Köche einig: Thieltges habe die große, klassische Küche bis zur Perfektion verfeinert. "Er ist keinen Trends und Moden hinterhergelaufen", sagt Becker. "Sein Ding war eine Hochküche in Perfektion. Und das jeden Tag." Statt Kochbücher zu schreiben oder im Rampenlicht der Fernsehshows zu stehen, habe Thieltges in Dreis hinter seinem Herd gestanden und seine Arbeit gemacht.

Unvergesslich sei ein "Superklassiker", den der Eifeler im Laufe seiner Karriere immer wieder kochte und von dem nicht nur Becker schwärmt: Eine kleine Torte von Rinderfilet-Tartar mit Kaviar und Sauerrahm auf Kartoffelrösti.
Egal ob Rinderfilet, Hummer oder Milchkalbsbries. Für Thieltges zählte die Qualität des Lebensmittels. "Das Produkt ist der Star." So lautet das Motto des "Sonnora", das "geradlinig zubereitete Speisen mit vielfältigen Aromen" anbietet.

"Helmut war ein Pionier für Qualität auf dem Teller und als Gastgeber ein ganz Großer aus der ,Provinz', der unsere Landschaft, unsere Lebensfreude an gutem Essen und Weinen wie kein anderer zu seiner Mission machte", sagt Hermann Lewen, langjähriger Intendant des Mosel Musikfestivals, der Thieltges dankbar ist, dass dieser ihn schmecken gelehrt habe.

Gereon Haumann, Präsident des rheinland-pfälzischen Hotel- und Gaststättenverbandes, dem auch das "Sonnora" angehört, bezeichnet den Tod der Ausnahmepersönlichkeit als großen Verlust für die Region.

Schließlich haben Thieltges Kochkünste die Region kulinarisch berühmt gemacht und Feinschmecker aus aller Welt angelockt. Über Jahrzehnte gelang es dem Koch, die Qualität zu halten, während er sein Wissen an zahlreiche junge Talente weitergab.

Selbst wenn eines dieser Talente in Thieltges Fußstapfen treten sollte - der Verlust sei unersetzlich, sagt Haumann.
"Der Beste unter uns", schreibt ein Koch auf Facebook. "Wir werden ihn nie vergessen. Der Köcheverein Mittelmosel verneigt sich", schreibt ein anderer.

So viel Aufhebens um seine Person wäre dem Eifeler womöglich unangenehm gewesen. Extra

 Helmut Thieltges: „Der Vogel muss singen, nicht der Käfig.“
Helmut Thieltges: „Der Vogel muss singen, nicht der Käfig.“ Foto: Christopher Arnoldi

Thieltges gilt als "großer Unbekannter" der Haute Cuisine, denn nur selten öffnete er sich Journalisten. In einem Interview mit dem Trierischen Volksfreund erklärte er, wie er zum Kochen kam: "Ich kannte die Branche und dachte ‚warum eigentlich nicht?' Aber ich hätte zum damaligen Zeitpunkt ebenso gut etwas anderes Kreatives beginnen können und wäre darin sicher genauso bestrebt gewesen, nicht null-acht-fünfzehn, sondern etwas Besonderes zu leisten", sagt er dem TV im Jahr 2008.

Der Schritt in die Küche war allerdings naheliegend: Die Eltern des Einzelkindes führten in Dreis eine Pension, in der die Gäste gut bekocht wurden. Später erbauten sie das Waldhotel Sonnora, dessen Küche Thieltges im Jahr 1978 nach einer Lehre im Römischen Kaiser in Trier und Stationen in St. Moritz, Düsseldorf und Köln zusammen mit seiner Mutter übernahm.

Seinen Erfolg erklärte er mit eigenständigen Kreationen: "Die ‚grande cuisine' modern und sehr persönlich zu interpretieren ist mit schonenden Garmethoden oder innovativen Techniken möglich. Nachahmen von erfolgreichen Stilen oder das Befolgen von modischen Trends macht keinen Sinn." Der Zufall sei an der Inspirationen beteiligt. "Es liegen Zutaten nebeneinander, von denen ich ahne, sie werden perfekt harmonieren, obwohl ihre Kombination ungewöhnlich ist."

1982 bekam er seinen ersten Stern. Es war der Beginn einer Ausnahmekarriere, wie sie nur wenigen Köchen gelingt.