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Dringend gesucht: Regionale Nutzpflanzen

Dringend gesucht: Regionale Nutzpflanzen

Gleich mehrere Initiativen wollen alte Pflanzenarten vorm Aussterben retten. Landesbehörden richten eine Datenbank ein, um historische Obst- und Gemüsesorten zentral zu erfassen. Auch zwei Hunolsteiner suchen alte Hunsrücker Sorten.

Hunolstein. Groninger Rosenkohl, Monstranzbohnen, Türkenbundlilien: Diese alten Nutz- und Zierpflanzen sind nur wenigen Naturfreunden bekannt. Sabine Lütt und Matthias Kunz aus Hunolstein sind auf der Suche nach solch seltenen Gewächsen. Denn durch die moderne Landwirtschaft droht die einstige Sortenvielfalt verloren zu gehen.
Dadurch gibt es dann auch weniger Geschmacksvarianten. Als Beispiel führt Lütt den Rosenkohl an: "Eine Art schmeckt deftiger, eine andere Art milder." Egal, ob Kartoffeln, Äpfel oder andere Obst- und Gemüsesorten: "Nur wenige Sorten werden industriell produziert", sagt Sabine Lütt. Dadurch entstehe ein Einheitsgeschmack, sagt sie. "Bei alten Sorten kann man auch länger ernten", ergänzt Lütt. Gezüchtete Pflanzen würden häufig zum gleichen Termin reif, ältere Sorten würden oft über einen längeren Zeitraum reifen.
Lütt und Kunz haben einen kleinen Garten gepachtet, um die seltenen alten Sorten anzubauen. Dazu gehört die Spatzeneibohne, die aus dem Kölner Raum stammt, und die Einlochbohne.
Nun sind die beiden auf der Suche nach seltenen Gemüse-, Getreide-, Blumen- und Kräuterarten aus dem Hunsrück. "Pflanzensorten, die traditionell in der Region angebaut werden, sind viel besser an das Hunsrücker Klima angepasst als Arten, die oft aus südlicheren Gefilden stammen", sagt Lütt. Kunz und Lütt wollen diese Sorten vermehren und an andere Interessenten weitergeben.
Deshalb wollen sie am Weiperather Holzmuseum einen Marktplatz für regionale Produkte schaffen und an einem Wochenende mit Mitstreitern alte Sorten tauschen oder an interessierte Gartenfreunde verkaufen. Ein Datum ist noch nicht festgelegt. Museumschef Michael Pinter, der die beiden Pflanzenfreunde unterstützt, stellt sich dafür einen Termin im August vor.
Auch das Land kümmert sich um bedrohte Nutzpflanzen. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Bad Kreuznach hat im September 2011 begonnen, für Rheinland-Pfalz eine Datenbank einzurichten, in der alte Pflanzenarten erfasst werden. Besitzer solcher Arten sind aufgerufen, diese dort zu melden. "Wir wollen einen Grundstock an Daten für die Erhaltung alter Arten erstellen", sagt Ingrid Buchmann vom DLR. Denn es ist nicht bekannt, welche Pflanzenarten noch existieren. "Viele Pflanzen sind verschollen oder vergessen", sagt sie.
In Gärten schlummern Schätze


Dabei schlummerten noch Schätze in den Gärten von Rheinland-Pfalz, sagt sie. "Es tauchen immer wieder alte Gemüsesorten in Bauerngärten oder in der Landschaft auf", sagt Buchmann. Ein Beispiel: Von der Pfälzer Apfelsorte Heimelding wurde per Presseaufruf 1998 noch ein Baum gefunden, mittlerweile wird die Sorte wieder kultiviert.
Auf den "zentralen Infoschatz" soll jeder Interessierte zurückgreifen können. Das Fernziel des DLR ist das gleiche wie bei den Hunolsteiner Pflanzenfreunden: Gärtner sollen ihr Saatgut tauschen, die Pflanzen anbauen und so dazu beitragen, dass die alten Arten erhalten bleiben.
Doch es geht nicht nur darum, das Herz von Gartenfreunden höherschlagen zu lassen.
Gehen alte Arten verloren, verschwindet laut Buchmann auch ein Teil der genetischen Vielfalt. Doch gerade die kann wichtig sein.
So können beispielweise Rückkreuzungen mit alten Arten helfen, Pflanzen durch neue Genkombination gegenüber dem Klimawandel, Schädlingen oder neuen Krankheitserregern widerstandsfähiger zu machen. Die herkömmlichen Sorten allein könnten in diesen Fällen schnell überfordert sein.
Extra

Wer alte Pflanzensorten im Garten hat und zu ihrer Erhaltung beitragen möchte, kann sich direkt an Sabine Lütt in Hunolstein (Telefon 06533/955516) oder Michael Pinter vom Hunsrücker Holzmuseum (Telefon 06533/3159) wenden. Das DLR in Bad Kreuznach bietet auf seiner Internetseite weitere Informationen zu alten Pflanzen. Dort ist auch ein Meldeformular hinterlegt, mit dem alte Pflanzensorten für die Datenbank gemeldet werden können. Sie finden die Seite unter: www.dlr.rlp.de , Menüpunkt "Pflanze und Tier", anschließend Button "Biodiversität". cst