Ein Chor im Überlebenskampf

WALLSCHEID. (ks) Der Gesangverein "Liederkranz" Wallscheid feierte nach 110 Jahren mit einem Familienabend sein Gründungsfest. Der Chor kämpft heute ums Überleben. Auftritte sind nur noch gemeinsam in der Chorgemeinschaft mit dem Männergesangverein Liederkranz 1922 Strohn möglich, die 1998 gegründet wurde.

"Was haben sich die Zeiten doch geändert." Mit viel Wehmut schaut Anton Letsch 60 Jahre zurück. "Nach dem abendlichen Besuch der Fortbildungsschule im Anschluss an die Volksschule kurz nach Kriegsende drückten wir uns nebenan im Gasthaus Klaus die Nasen platt, um den Proben des Gesangsvereins zuzusehen. Wir freuten uns unbändig, als man uns reinrief, vorsingen ließ und uns bescheinigte, ‚für den Chor brauchbar' zu sein." "14 sangesfreudige Wallscheider verschrieben sich 1896 dem Motto: es singe, wem Gott Gesang gegeben", so ist in der Chronik die Gründungsidee eines der ältesten Chöre der Region formuliert. "Auf dem Stand sind wir heute mit 15 Aktiven wieder. Viermal erster Bass, fünfmal zweiter Tenor und je dreimal erster Tenor und zweiter Bass; keine Stimmlage ist mehr ausreichend besetzt. Unser Durchschnittsalter liegt heute bei 70,5 Jahre." So sieht die aktuelle Ist-Aufnahme von Günter Schmitz aus, der Anfang dieses Jahres nach einer außerordentlichen Generalversammlung "notgedrungen", wie er sagt, das Amt des Vorsitzenden übernommen hat. Heribert Comes, von 1995 bis zu diesem Zeitpunkt sein Vorgänger, zählt die vielen Versuche einer "Wiederbelebung" auf: "Wir haben mit Michael Schmitz einen jungen Dirigenten. Wir haben die Proben auf Wunsch vieler vom Freitag auf den Mittwoch verlegt. Wir haben jeden möglichen Interessenten im Dorf angeschrieben, ihn anschließend persönlich angesprochen: nur ein Rentner ist neu dazu gekommen, und dafür haben Jüngere uns verlassen." Reinhold Hausener, sein Vorgänger und auch schon seit 50 Jahren beim Liederkranz mit dabei, sieht kaum einen Ausweg: "Singen wird in der Schule nicht geübt. Es gibt ein großes Angebot attraktiver Freizeitbeschäftigungen. Bei uns gibt es neben den Proben viele Auftritte in der Gemeinde, bei runden Geburtstagen. Wer soll denn das heute noch wollen?" Anton Letsch schaut voll Wehmut auf die vielen Stunden in einer tollen Gemeinschaft zurück, die er nicht missen will: "Wir haben Wald gerodet und Theater gespielt, um unsere Notenblätter aus der Kasse zahlen zu können. Wir hatten tolle Auftritte mit über 60 Sängern in unserem Chor, haben viel Freude vermittelt und auch oft gefeiert bis spät in die Nacht. Ist das heute nicht mehr erstrebenswert?"