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Ein Exportschlager, der wie Heimat schmeckt

Ein Exportschlager, der wie Heimat schmeckt

So wie Spätzle zu Schwaben und Weißwurst zu Bayern gehört der Spießbraten zu Idar-Oberstein. Dass er allerdings zur regionalen Spezialität mit Nationalgericht-Status im Hunsrück und an der Nahe wurde, ist eine Geschichte mit historischen Wurzeln. Im 19. Jahrhundert sollen Auswanderer aus dem Hunsrück, die aus Brasilien in ihre Heimat zurückgekehrt sind, das brasilianische Gericht Churrasco mitgebracht haben. Legende oder Wahrheit?

Idar-Oberstein/Hunsrück. Im Hunsrück kommt immer noch gern Deftiges und Bodenständiges auf den Tisch. Von Exotik ist in der einfachen traditionellen Küche keine Spur. Stimmt\'s? Weit gefehlt, denn ein spezielles Gericht vereint beides: der Spießbraten. Die Idar-Obersteiner zelebrieren ihren Spießbraten regelrecht. Nach diesem Fleischgericht ist sogar das größte Volksfest an der oberen Nahe benannt: das Spießbratenfest. Dessen 48. Auflage wird in diesem Jahr seit gestern bis zum 1. Juli gefeiert. Und am Freitagabend gab es den dritten Idar-Obersteiner Spießbraten Grand Prix, einen Grillwettbewerb, bei dem die Teams die Spezialität traditionsgemäß über Buchenholz zubereiten.
Doch wie fand der Spießbraten seinen Weg nach Idar-Oberstein und von dort in die gesamte Region? Die Idar-Obersteiner kennen die Antwort und können sogar namentlich identifizieren, welcher Sohn der Stadt ihnen das Fleischgericht schmackhaft gemacht haben soll: Karl Becker. Sein Vater hat im 19. Jahrhundert einen Edelsteinhandel aufgebaut. Doch bereits um das Jahr 1800 waren die Achatvorkommen in Idar-Oberstein zurückgegangen, so dass viele Idar-Obersteiner ihre Heimat verließen und auch Karl sein Glück jenseits des Atlantiks suchte. Und Steine. Er war einer der Auswanderer, die sich dem Massenexodus aus dem Hunsrück anschlossen (der TV berichtete) und im Süden Brasiliens Fuß fassten. Die begehrten Edelsteine, vornehmlich Achate wie in der Heimat, lagen dort leicht zu finden in Bächen und Flüssen - ein El Dorado für Steinhändler und -schleifer. Karls Vater gründete 1860 in Idar-Oberstein einen Edelsteinhandel. Karl exportierte nicht nur seine Funde in die Heimat. Er hatte noch mehr im Gepäck. Seine Nachfahren, heute immer noch im Mineralienhandel tätig, haben auf ihrer Internetseite veröffentlicht, dass "Karl Becker 1861 auf der Platt in Dietzen, einem Stadtteil von Idar, den ersten Spießbraten zubereitet haben" soll. Und dies war ebenso wie die Edelsteine ein Exportschlager aus Brasilien. Dort hatte der findige Idar-Obersteiner den Churrasco kennengelernt, ein Fleischgericht der Gauchos - in der Regel aus Rind -, das an einem Spieß über offenem Feuer zubereitet wird.
Den Idar-Obersteinern schmeckt ihr Braten also brasilianisch gut. Allerdings mit kleinen lokalen Abänderungen. Statt das Fleisch wie beim Churrasco nur in Salz zu marinieren, das vor dem Grillen abgeklopft wird, verwenden sie noch Pfeffer, Knoblauch und Zwiebeln und garen ihr Fleisch über Buchenholz. Legende oder Wahrheit? Die Idar-Obersteiner glauben an diese Geschichte - so lang, bis sie widerlegt wird.
Sina Leyser von der Metzgerei Leyser in Kempfeld bestätigt sie jedenfalls. Das Unternehmen wurde 1855 gegründet - also zu der Zeit der Auswanderung und als die ersten Rückkehrer in ihre Hunsrücker Heimat kamen. Ein Ur-Rezept für den Spießbraten hat der Betrieb nicht, aber er verwendet eine "betriebsinterne Gewürzmischung", natürlich werde das verwendete Fleisch, das seit 2012 vom in natürlicher Lebensweise aufgezogenen "Hunsrücker Kräuterschwein" stamme, auf Buchenholz gebraten. Das Wichtige beim Spießbraten: Viel muss es sein. Die Portionsstücke dürfen zwischen 300 und 500 Gramm schwer sein.
Extra

Ein Verein, der keiner ist Von der Nahe bis ins Saarland ist der Spießbraten beliebt. In Trier gibt es sogar einen Traditionsverein: den Spießbratenclub Trier 1905. Streng genommen ist es kein richtiger Verein, sondern ein honoriger Herrenzirkel, der sich jeden ersten Montag im Monat im Stadtteil Olewig trifft. Dabei dreht sich alles um die Kunst des Spießbratendrehens - unter strengen Regularien, versteht sich. Natürlich läuft alles unter dem bruderschaftlichen Gedanken ohne Damen ab, die nur alle fünf Jahre bei der Herrenrunde willkommen sind. Ein wenig Machismo aus Südamerika ist so also auch an die Mosel gekommen. Gewürzt wird die deftige Esskultur mit Humor und der Spießbratenkritik, dem Zubereiten der clubeigenen Soße und dem Singen der Clubhymne. Der Spießbratenclub versteht sich als Parodie auf die Vereinsmeierei. Mitglied der Runde zu werden, ist nahezu unmöglich: Es gibt nur ein einziges Vereinsmitglied, alle anderen 26 Sippenbrüder gehören dem Vorstand an. cofi