Ein Grüner an der Spitze der Cusanus-Hochschule

Interview : „Es geht um eine Gemeinsinn-Ökonomie“

Reinhard Loske wird Präsident der Cusanus-Hochschule, die die Fächer Wirtschaft und Philosphie bietet. Der ehemalige Grünen-Politiker erzählt, wie die Gesellschaft auf Nachhaltigkeit neu ausgerichtet werden kann.

„Klimapolitik“, „Zukunftsfähiges Deutschland“, oder auch „Abschied vom Wachstumszwang“ lauten die Titel einiger von Reinhard Loskes bekanntesten Büchern. Der 60-jährige Professor hat Abschlüsse in Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft. Naturschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind Schwerpunkte seiner Arbeit. Am 1. April wird er das Amt des Präsidenten der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues übernehmen. .Dort werden die Fächer Wirtschaft und Philosophie gelehrt. Die Schule ist staatlich anerkannt und in freier Trägerschaft. Loske lehrte an mehreren Universitäten, unter anderem auch an der Freien Universität Berlin, zuletzt an der Universität Witten/Herdecke.  Er ging schon früh  in die Politik und arbeitete von 1987 bis 1990 als Referent der Grünen-Bundestagsfraktion, anschließend Mitglied des Bundestags und schließlich sogar Stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion.  2011 zog er sich aus der Politik zurück und konzentrierte sich auf Forschung und Lehre.

Wie kamen Sie dazu, das Amt des Präsidenten der Cusanus-Hochschule zu übernehmen?

Loske: Zum einen ist mein Lebensthema die Nachhaltigkeit  beziehungsweise die ökologische Frage. Diesem Thema habe ich mich in meinem gesamten beruflichen Leben als Grenzgänger zwischen den Welten der Politik und der Wissenschaft gewidmet, sei es als Abgeordneter im Bundestag, sei es als Senator in Bremen, sei es als Professor an der Universität Witten/Herdecke. Zum anderen war ich mein ganzes Leben ein Aufbauer: sei es bei den Grünen, sei es beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, sei es in Witten mit dem neuen Studiengang Philosophie, Politik, Ökonomik. Deshalb reizt mich die Aufgabe der Leitung einer jungen Hochschule, die sich zur Aufgabe gemacht hat, philosophisch reflektiert an einer lebensdienlichen Wirtschaft und an Gesellschaftsgestaltung zu arbeiten.

Wie passen Wirtschaft und Nachhaltigkeit zusammen?

Loske: Wir haben an der Cusanus Hochschule eine Vision von einer lebensdienlichen Wirtschaft. Daher wollen wir kritisches Denken lehren, das in die Praxis greift. Dabei geht es um eine Gemeinsinn-Ökonomie, in der möglichst viele aktiv und kreativ die Sphären der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft gestalten – zum Wohle aller. Die Studierenden wollen wir befähigen, die Dinge umfassend zu verstehen und tatkräftig zu gestalten. Sie sollen lernen dürfen, kritikfähig und handlungsfähig zu sein. Eine derartige philosophische Durchdringung des Denkens und Handelns ist nicht nur wichtig für soziales und politisches Engagement, sondern auch ein Mehrwert für verantwortungsorientierte Unternehmen. Zugleich ist es für uns sehr wichtig, die planetaren Grenzen ins Zentrum des Bewusstseins zu rücken. Wir müssen als Menschheit innerhalb dieser Grenzen bleiben und gleichzeitig Errungenschaften wie demokratische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit, sozialen Zusammenhalt, Bildungschancen und Lebensqualität sichern. Wer Gesellschaftsgestaltung studieren will, ist an der Cusanus Hochschule willkommen.

Ein praktisches Feld für schwierige Fragen bei Nachhaltigkeit und Umweltschutz ist der Individualverkehr, auf den der ländliche Raum ganz besonders angewiesen ist. Welche Perspektiven gibt es dafür?

Loske: Mobilität wird oft sehr stark aus einer urbanen Perspektive angegangen mit Konzepten wie Car-Sharing, Elektromobilität, ÖPNV, aber auch nicht-motorisierte Verkehre wie Fahrradfahren oder zu Fuß zu gehen. Das sind im Prinzip auch für den ländlichen Raum die richtigen Strategien. Aber es gibt eben auch enorme Unterschiede zwischen städtischem und ländlichem Verkehr. Die Digitalisierung könnte Chancen bieten, ÖPNV und Individualverkehr, elektrifizierten und nicht-motorisierten Verkehr in der Fläche besser aufeinander abzustimmen. Die Zauberworte heißen hier integrierte Mobilität und Verkehrsträgerkooperation. In Bernkastel-Kues sehe ich da ebenfalls enorme Potentiale, die sich die Region gemeinsam erschließen könnte. Wir machen da als Hochschule gern mit.

Wie sehen Sie die aktuelle Klimapolitik in Deutschland? Wird zu viel oder zu wenig gemacht?

Loske: Eindeutig zu wenig. Deutschland muss innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte CO2-neutral werden. Es braucht klare Ziele für Energiewirtschaft, Industrie, Haushalte und Landwirtschaft. Je weniger konsequent wir beim Klimaschutz heute handeln, desto stärker wird der Klimawandel unsere Freiheiten in Zukunft beschränken.

Wie sehen Sie die philosophische Ausrichtung der Hochschule?

Loske: Ich finde am Institut für Philosophie leider eine sehr schwierige und verhärtete Situation vor, auf die ich keinen Einfluss hatte. Philosophisches Denken wird an der Cusanus Hochschule wie bisher auch in Zukunft einen zentralen Stellenwert haben, sowohl in der gesellschaftlichen wie auch der geistigen Dimension. Wir hoffen, mit der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte, die zugleich ein An-Institut unserer Hochschule ist, einen guten Weg zu finden, um der Philosophie des Geistes den ihr gebührenden Platz zu schaffen. Gleichzeitig werden wir uns zukünftig auf die Bereiche Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung konzentrieren und da ein sehr attraktives Angebot aufbauen. Das geht selbstverständlich nicht ohne Persönlichkeitsbildung, philosophische Inspiration und Grundlagenreflexion.

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